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Kaarst: Ein seltenes Exemplar

Kaarst : Ein seltenes Exemplar

Der 32-jährige Tim Schickhoff ist der einzige Lehrer an der Matthias-Claudius Schule. In der ganzen Stadt gibt es nur noch sechs seiner Art: Grundschullehrer - Rhein-Kreis und Gewerkschaft wünschen sich mehr davon.

Tim Schickhoff ist ein seltenes Exemplar: Er ist einer von sechs Grundschullehrern in Kaarst. Seit fünf Jahren unterrichtet der 32-Jährige an der Matthias-Claudius Schule. Dort ist er - neben dem Hausmeister - der einzige Mann. "Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen", sagt Schickhoff. Und das ist gut so, denn sonst gebe es noch weniger Männer in den Grundschulen.

Nur neun Prozent aller Unterrichtenden an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen sind Männer. In Kaarst sind es gerade mal rund sechs Prozent. Damit liegt Kaarst nicht nur unter dem landesweiten, sondern auch unter dem kreisweiten Durchschnitt von rund acht Prozent. "Für viele Männer ist die Bezahlung unattraktiv", stellt Alois Mayer, der Schulrat des Rhein-Kreises Neuss, fest. "Oder die Arbeit mit kleinen Kindern liegt ihnen nicht." Tim Schickhoff begeistert sie. "Ich komme aus einer Großfamilie", sagt er. "Und es hat mir immer schon Spaß gemacht, mit Kindern zu arbeiten." Deshalb entschied er sich, Grundschullehrer zu werden. "Kinder sind die großartigsten Menschen der Welt. Sie kommen mit Freude in die Schule und haben wenig Lernfrust. Das haben eher die älteren Schüler." Nach dem Abitur in Soest machte Schickhoff mehrere Praktika an Grundschulen und begann 2004 das Lehramtsstudium in Paderborn. Seine Fächer: Deutsch, Mathe und Sachunterricht. Sein Referendariat absolvierte er in Bielefeld und bewarb sich anschließend an Grundschulen in ganz NRW. In Kaarst konkurrierte er mit fünf Lehrerinnen. Alle wurden nach einem Punktesystem bewertet. Schickhoff und eine Mitbewerberin waren gleichauf - doch die Zusage bekam er. "Sie sagten, dass sie die 'Variante Mann' haben wollten", sagt der mittlerweile verbeamtete Lehrer. Tim Schickhoff fühlt sich an seiner Schule wohl. "Die Kolleginnen sind hochmotiviert", sagt er. "Manchmal wird allerdings zu viel diskutiert, vieles könnte viel schneller entschieden werden." Er bedauert, dass es so wenig Männer in seinem Job gibt. "Für die Jungen ist das wichtig. Das merke ich jeden Tag. Ich bin eine Bezugsperson für sie, eine Identifikationsfigur", sagt der 32-Jährige. Schulrat Alois Mayer würde sich freuen, wenn sich mehr Lehrer für die Grundschulstellen bewerben würden. "Den Kindern fehlen Männer, besonders denen von alleinerziehenden Müttern", sagt Mayer. Auch Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wünscht sich mehr Männer in den Grundschulen. "Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis ist im Hinblick auf Sozialisationsbedingungen sinnvoll", sagt Paschert. Er vermutet wie Mayer, dass sich viele Männer aufgrund der niedrigeren Bezahlung gegen den Beruf des Grundschullehrers entscheiden. "Die Erziehungsarbeit an den Grundschulen scheint immer noch weniger wert zu sein als die Wissensvermittlung an den weiterführenden Schulen. Dabei ist die Verantwortung für die Entwicklung der jüngeren Schüler besonders groß", sagt Paschert.

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Tim Schickhoff findet es nicht unfair, dass er weniger Gehalt bekommt als seine Kollegen am Gymnasium. "Ich sehe das ja bei meinen Freunden. Sie haben einen erheblich höheren Arbeitsaufwand. Einige haben zum Beispiel zwei Korrekturfächer. Da kann ich verstehen, warum sie mehr verdienen", sagt er. Er jedoch bleibe den Schülern in Erinnerung. "Jeder kann sich an seinen ersten Lehrer erinnern. An die, die danach kamen, vielleicht nicht mehr unbedingt."

(eler)