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Kaarst: Büttgen unterm Hakenkreuz

Kaarst : Büttgen unterm Hakenkreuz

In der kommenden Woche wird das Heft "Leben unter dem Hakenkreuz in Schule und Gemeinde 1933 bis 1945" vorgestellt. Franz-Wilhelm Servaes hat dafür in Archiven recherchiert und Zeitzeugen befragt.

Franz-Wilhelm Servaes ist als langjähriger Schulleiter des Georg-Büchner-Gymnasiums und Historiker eine gute Wahl für den Arbeitskreis Heimatkunde der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Büttgen, um sich mit dem "Leben unter dem Hakenkreuz in Schule und Gemeinde 1933 bis 1945" zu befassen. Diesen Titel trägt Heft 34 der heimatkundlichen Schriftenreihe, das am 6. September vorgestellt wird. Helmut Heubes unterstützte Servaes bei der Recherche. Der Autor erzählt von dem langen Entstehungsprozess.

Herr Servaes, zwölf Jahre recherchierten Sie für das Buch. Welche Erkenntnisse überraschten Sie besonders?

Servaes Zunächst, dass ich in den Archiven fast überhaupt keine Unterlagen dazu fand. Es war so frustrierend, dass ich schon aufgeben wollte. Die Schulleiter waren damals verpflichtet, Chroniken zu führen. Aber diese wurden anscheinend vernichtet, was dafür spricht, dass sie Informationen vertuschen wollten, die sie bei der Entnazifizierung hätten belasten können. Deshalb habe ich viele Zeitzeugen befragt.

Wie können Sie die mündlichen Erzählungen trotzdem belegen?

Servaes Für Holzbüttgen existiert eine Chronik immerhin bis 1941. Darin fiel mir zum Beispiel auf, dass plötzlich zu allen Anlässen der Nazis Schulfeste gefeiert wurden. Gleiches las ich in einer Dissertation über Kölner Schulen und in Büchern über Korschenbroich, so dass mir klar wurde, dass die Schulen überall gleichgeschaltet waren.

Wie wurden die Ideologien in den Schulen verbreitet?

Servaes Die Schülerzeitung "Hilf Mit" fand in mehreren Fächern Anwendung. Sie kostete einen Groschen, was nicht alle Kinder bezahlen konnten. Während Mitglieder der Hitlerjugend am Samstag schulfrei für Ausflüge bekamen, mussten die anderen Schüler in der Zeit aus dem Heft abschreiben. Außerdem war bei allen Schulfesten der Ortsgruppenleiter oder ein Zellleiter anwesend, um zu kontrollieren, ob nationalsozialistische Gesinnung herrschte.

Waren die Nazis auf dem Dorf sehr präsent?

Servaes Ja. Das beweist schon der Tag der Arbeit 1933, als in allen Gaststätten Maifeste der NSDAP stattfanden. Bei der letzten "freien" Wahl im selben Jahr errang die NSDAP außerdem in Büttgen die absolute Mehrheit. Das schaffte sie sonst nirgendwo im Rheinland. In Kaarst erreichte die fast genauso rechte DNVP verhältnismäßig hohe Prozentzahlen, weil der dortige Schulleiter Leo Klövekorn Parteimitglied der DNVP war. Da kam mir der Gedanke, dass es auch in Büttgen eine Persönlichkeitswahl gewesen sein musste.

Kennen Sie die Namen jener einflussreichen Personen?

Servaes Heinrich Illbertz gründete 1932 die NSDAP im Büttgen, spielte beim VfR Fußball und sang im Kirchenchor. Er gehörte als Abgeordneter dem Preußischen Landtag an, was für Büttgen eine hohe politische Karriere war. Als Landwirt saß er mit den anderen Bauern häufig beim Frühschoppen und konnte ihnen dort die Versprechen der NSDAP klarmachen. Ein großes Thema war die Entschuldung der Bauern. Nach der US-Gefangenschaft kehrte er nach Büttgen zurück und blieb ein angesehener Mann. Ein anderer Name ist Bahninspektor Josef Gießen. Er war ein Fanatiker und einer der gefährlichsten Nazis in Büttgen.

Stefan Reinelt führte das Gespräch.

(NGZ/rl)