Kaarst: Angekommen in der neuen Heimat

Kaarst: Angekommen in der neuen Heimat

Vor 16 Monaten haben wir zum ersten Mal über die syrische Familie Mahzia berichtet. Seitdem hat sich viel verändert. Ein Besuch.

Er hat es geschafft: Der aus Syrien stammende Chirurg Aiham Mahzia, der 2014 mit einem Visum nach Deutschland kam, hat seine Fachsprachenprüfung vor der Ärztekammer Westfalen-Lippe bestanden und inzwischen seine Approbation erhalten. Jetzt startet er seine fachärztliche Weiterbildung in der Praxis des Allgemeinmediziners Dr. Georg Wehse in Kaarst. "Ich war noch nie so glücklich in Deutschland wie jetzt", sagt der 31-Jährige. Vor 16 Monaten sah das noch ganz anders aus.

Zur Erinnerung: die sieben Familienmitglieder waren zu unterschiedlichen Zeiten auf verschiedenen Wegen aus ihrer Heimat nahe Damaskus geflüchtet. Denn die einst wohlhabenden Akademiker, die zur oberen Mittelschicht Syriens zählten, gerieten zunehmend in Bedrängnis. Auch weil Vater Yahia aus Palästina stammt. Weder er noch die Kinder haben einen Pass - nicht für Palästina, nicht für Syrien. "Vor dem Krieg war das nie ein Problem. Doch plötzlich bekamen wir zu spüren, dass wir eigentlich nichts sind, nur Staatenlose", so Aiham Mahzia. Vater Yahia (57) hatte zudem ein Ausreiseverbot für fünf Jahre. Denn der Physik-Professor, der auf Experimental-, Molekular- und Atomphysik spezialisiert ist, war 23 Jahre lang Mitglied in der syrischen Atomenergiekommission.

Als der Krieg näher kam, die willkürlichen Anfeindungen von Regimetreuen als auch -gegnern bedrohlicher wurden und enge Freunde spurlos verschwanden, entschied sich Aiham als Erster zu flüchten. Im Dezember 2014 folgte Mutter Nabeela (54), die als Ingenieurin bei der Stadtverwaltung in Damaskus gearbeitet hatte. Der mittlerweile 23-jährige Sohn Majd, der Architektur studiert hatte, reiste im Juli 2015 ein. Die älteste Tochter Reem (28), die in Syrien eine Praxis als Zahnärztin hatte, folgte mit ihrem damals fünf Monate alten Sohn Karam im November 2015. Vater Yahia und die jüngste Tochter Raghad (20) reisten erst im Juni 2016 ein.

Knapp drei Jahre lang hat es gedauert, bis alle wiedervereint waren. Doch auch die vermeintliche "Vorzeige-Akademikerfamilie" bekam 2016 zu spüren, dass die Willkommenskultur in Deutschland Risse bekommen hatte. "Es gab eine Zeit, wo ich jede Hoffnung verloren hatte", sagt Aiham. Obwohl er bereits die C1-Deutschprüfung absolviert und regelmäßig mit einer Medizin-Professorin für die Fachsprachen-Prüfung gebüffelt hatte, fiel er beim ersten Versuch durch. Seine Verzweiflung war groß. "Ich bin in ein tiefes Loch gefallen", sagt er. Dass er wieder Mut gefasst habe, sei auch Georg Wehse zu verdanken. "Er hat mir geholfen, wieder an mich zu glauben."

Auch seine Schwester Reem ist überglücklich. Denn über zweieinhalb Jahre lang war sie von ihrem Mann Zakaria Mallahussen getrennt. Nur via Skype hatte der Mediziner seinen kleinen Sohn aufwachsen sehen.

Im September 2016 hatte er einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Beirut beantragt. "Es dauert im Schnitt etwa ein Jahr lang, bis man einen Termin erhält", erklärt Aiham. Reem wurde im Juni 2017 jedoch nur der subsidiäre Schutz zugesprochen - somit war ein Familiennachzug ausgeschlossen. Mit Hilfe des in Kaarst lebenden Rechtsanwalts Jeremias Mameghani klagte sie dagegen. "Ich hatte kaum noch Hoffnung, meinen Mann nachholen zu können", sagt sie.

Erst nach einem Gerichtsurteil, das syrischen Flüchtlingen mit palästinensischem Hintergrund den Flüchtlingsstatus zugesprochen hatte, hatte auch Reem Erfolg: Am 11. Oktober wurde ihr der Flüchtlingsstatus zuerkannt. Zwei Tage später konnte ihr Mann in Beirut sein Visum beantragen. Seit Mitte Januar ist die kleine Familie wieder vereint, doch in ungewohnter Situation: Während für Zakaria alles neu ist, hat Reem bereits viel erreicht und einiges vor: "Ich möchte meine Fachsprachenprüfung schaffen und hoffe, die Approbation als Zahnärztin zu erhalten."

Ähnlich vielversprechend sieht es bei den Geschwistern aus: Majd hat seine C1-Deutschprüfung bestanden und mehrere Monate lang bei dem Kaarster Architekten Jakob Post auf Minijob-Basis gearbeitet. Zum Wintersemester möchte er Architektur studieren. "Den Eignungstest habe ich bestanden", sagt er stolz. Auch seine Schwester Raghad hat in einer Kaarster Zahnarztpraxis hospitiert und zudem den B2-Sprachkurs an der Uni als Beste bestanden. "Jetzt bin ich im C1-Kurs, möchte den Test für ausländische Studierende absolvieren und hoffe, dann Zahnmedizin studieren zu dürfen", erzählt sie.

"Ich bin sehr stolz auf meine Kinder", so Mutter Nabeela in gebrochenem Deutsch. Ihr Ingenieur-Studium wurde zwar anerkannt, doch ob sie in ihrem Beruf je wieder wird arbeiten können, bezweifelt sie. "Ich würde auch Regale im Supermarkt einräumen", sagt sie. Denn es sei ihr unangenehm, Geld zu erhalten, ohne dafür etwas zu tun. Auch ihr Mann hat Zukunftsangst. Nach dem B2-Kurs, den beide derzeit an der VHS in Kaarst absolvieren, möchte er rasch mit dem C1-Level anfangen und hofft: "Vielleicht kann ich dann als Dozent für Physik arbeiten."

Noch im November 2016 hatten die Eltern auf ein baldiges Ende des Krieges gehofft und gesagt: "Wir würden zurückgehen und beim Aufbau helfen." Jetzt glauben sie nicht mehr daran: "Der Krieg hat alle Träume zerstört", sagt Vater Yahia. Seine Frau definiert "Heimat" inzwischen neu: "Meine Heimat ist da, wo meine Kinder sind."

(BroerB)