Kaarst: Als Kaarst noch echte Bahnhöfe hatte

Kaarst: Als Kaarst noch echte Bahnhöfe hatte

Die beiden alten Bahnhöfe in Kaarst und Büttgen haben über ein Jahrhundert lang das Stadtbild der damaligen Orte geprägt. Als S- und Regiobahn nach Kaarst kamen, wurden Bahnhofsgebäude und Stellwerk abgerissen, und auch die Gleise für den Gütertransport verschwanden.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Stadt Kaarst an das Bahnnetz angeschlossen. Im Jahr 1853 wurde die Strecke Aachen-Neuss eröffnet, die Büttgen zunächst nur durchkreuzte. Erst 1968 erhielt das Dorf eine eigene Haltestelle. Das neue Verkehrsmittel stieß den Menschen das "Tor zur Welt" auf. Ab 1878 machte eine Bahn zwischen Neuss und Viersen auch Station am Bahnhof Kaarst.

Mit dem Start der S-Bahn (1987) und der Regiobahn (1999) änderte sich das Bild beider Haltestellen. Bahnhofsgebäude und Stellwerk wurden abgerissen, die Gleise für den Güterverkehr verschwanden, die Bahnsteige wurden saniert. In Büttgen entfernte die Deutsche Bahn die beiden beschrankten Bahnübergänge und baute Unterführungen. Ab 1868 erhielt der Bahnhof Büttgen in mehreren Bauabschnitten eine Abfertigungs- und Empfangsgebäude. Das Schalterpersonal verkaufte Fahrkarten und kümmerte sich um die Gepäckabfertigung.

Nebenan betrieb Franz Bresser seine Gaststätte. "Früher waren die Wartezeiten zwischen den Zügen länger, da ist das Personal in der Zwischenzeit in die Gaststätte gegangen und hat etwas getrunken", erzählt Brigitte Deußen. Ihr Mann Peter Deußen arbeitete von 1954 bis 1967 am Büttgener Bahnhof, war sowohl am Schalter wie auch im Stelldienst tätig. Den Gastwirt Franz Bresser nannten die Einheimischen nur "Ürje" — nicht, weil er unhöflich war, sondern weil er immer mit ganz ernster Miene sprach. "Eigentlich war er ein freundlicher Mensch und für jeden Spaß zu haben", erzählt Eduard Klüber.

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Das erste Bahnhofsgebäude in Kaarst wie auch der Neubau 1955 wurden rein zweckmäßig errichtet mit Wartezone und Stellwerk. In den letzten Jahren verkehrte nur noch ein Schienenbus, davor allerdings ratterten auch hier Dampflokomotiven und Güterzüge über die Gleise. Der Güterverkehr war früher in den kleinen Gemeinden von Bedeutung. In Kaarst wurden Kartoffeln der benachbarten Versteigerung verladen, in Büttgen wurden viele Früchte aus Ungarn angeliefert, die eine Glehner Firma zu Marmelade verarbeitete. Außerdem wurde Erz über die Strecke Aachen-Neuss transportiert. Wenn die Güterzüge mit bis zu 120 Achsen Büttgen passierten, wackelten die nahegelegenen Häuser.

Beide Bahnhofsgebäude haben das Stadtbild über mehr als ein Jahrhundert geprägt. Deshalb regte sich in Büttgen wie in Kaarst Widerstand, dass sie für S- und Regiobahn abgerissen werden sollten. Michael "Milo" Leßmann wollte das Büttgener Bahnhofsgebäude kaufen, in Kaarst engagierte sich 1998 der "Verein zur Erhaltung des alten Kaarster Bahnhofsgebäudes". Beide Vorhaben hatten keinen Erfolg.

(NGZ/rl)
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