Kaarster Gastronomen mit Restaurant in Frankreich: 96er Cheverny zur Entenleber in Portweinsoße

Kaarster Gastronomen mit Restaurant in Frankreich: 96er Cheverny zur Entenleber in Portweinsoße

Von Thilo Zimmermann

Von Thilo Zimmermann

"Es sollte südlich der Loire liegen wegen des Klimas, westlich der Rhone, weil die Provence schon voller Deutscher ist, und mindestens 30 Kilometer vom Meer entfernt sein, schließlich ist auch dort schon alles besetzt" - mit dieser Maßgabe machten sich die Kaarster Doris Coppenrath und Roland Pilger auf die Suche nach der Erfüllung ihres Lebenstraums: einem Restaurant in Frankreich. Fündig geworden sind sie in der Corrèze im Herzen der Grande Nation, genauer: in Saint-Julien-aux-Bois. Und dieses gemütliche Dorf wird jetzt erstmals in renommierten Restaurantführern erwähnt - den Kaarstern sei's gedankt. Leben wie Gott in Frankreich: Roland Pilger und Doris Coppenrath aus Kaarst haben sich in der Corrèze ihren Lebenstraum erfüllt und führen dort ein Restaurant, das jetzt auch von renommierten Gastronomie-Führern empfohlen wird. Die "Auberge de Saint-Julien-aux-Bois" gilt als beliebtes Ziel von Feinschmeckern. NGZ-Foto: T. Zimmermann

"Der Eintrag im Guide Michelin war der Ritterschlag", sind die Besitzer der "Auberge de St-Julien-aux-Bois" überzeugt ("von den 200\.000 Häusern in Frankreich werden schließlich nur 10\.000 berücksichtigt"). Ohne Aufregung ging's nicht ab. "Ein Inspektor steht unangemeldet vor der Tür, zückt seinen Ausweis, man beginnt zu zittern, zeigt ihm das Haus, tischt auf und muss dann regelmäßig einen Fragebogen ausfüllen sowie Wein- und Speisekarte schicken", so Coppenrath und Pilger.

Beim Guide Michelin bleibt's nicht: "2001 sind wir auch im Gault Millau vertreten. Darin haben wir eine ,Kochmütze' und 13 Punkte verliehen bekommen, und in der ganzen Corrèze gibt's nur zwei Restaurants, die 14 haben. Da war ein guter Champagner fällig", berichten die spätberufenen Gastronomen aus Leidenschaft. Pilger, vor 47 Jahren in Kaarst geboren, studierte Deutsch, Erdkunde und Sport auf Lehramt und leitete lange die örtliche Pfadfinderschaft. Dort lernte er auch die heute 40-jährige Doris Coppenrath kennen, die - in Düsseldorf geboren, in Neuss aufgewachsen und studiert in Pädagogik und Biologie - ehrenamtlich bei den "Pfadis" tätig war.

Liebstes Ziel des Geschäftsführers und der Mitarbeiterin: Frankreich. "Wir sind einfach frankophil", sagen die beiden, die bei diversen Ferienlagern schnell den Kontakt zu den Einheimischen fanden und die Sprache zunehmend besser kennen lernten, bis sie sie irgendwann einmal fließend beherrschten. Da Pilger bei den Pfadfindern nicht "als Berufsjugendlicher" kleben bleiben wollte und die Kinder Florian und Marie noch nicht im Schulalter waren, keimte "die spleenige Idee" vom Lokal unter der Trikolore auf. "Gute deutsche Organisation" führte die Suche nach einem geeigneten Restaurant vor vier Jahren zum Erfolg. Über Minitel (quasi einem französischen Vorläufer des Internet) wandten sich die Kaarster an Immobilienagenturen.

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Ergebnis: "500 Vorschläge vom Chateau an der Loire für 20 Millionen Francs bis zur Pommes-Bude für 20\.000\." In die engere Wahl kamen 40 Anwesen. Geblieben sind Coppenrath, Pilger und die Kinder in Saint-Julien. "Es war ein bisschen Liebe auf den ersten Blick, wir waren gleich angetan von dem schnuckeligen Ort", erinnert sich das Quartett. "Wir wollten ein neues Leben beginnen, da gab's kein Zurück, die Eigentumswohnung in Kaarst wurde verkauft. Man muss die Leiter hochsteigen und sie wegwerfen, wenn man oben angekommen ist", philosophiert Pilger. Und noch etwas hat er erkannt: "Die Deutschen haben die Zuverlässigkeit, aber kein Savoir-vivre. Hier ist es umgekehrt. Man muss halt für alles bezahlen."

In ihrer neuen Heimat kümmern sich Coppenrath und Pilger um ein Restaurant mit 30 Plätzen plus Terrasse sowie ein Hotel mit fünf Räumen und einem Appartement, das im Sommer vermietet wird. Drei Angestellte - Kellner, Zimmermädchen und Küchenhilfe - sind mit von der Partie. "Alles renoviert" haben die neuen Hausherren, die sich "ganz hervorragend aufgenommen" fühlen in der Corrèze. Als die Möbel noch in der Bar standen, kamen die ersten Nachbarn, ließen sich die Pläne erklären, "zwei Tage später wusste jeder alles, und die Leute kamen, um die Fortschritte anzusehen" (Pilger). "Wir werden mehr als respektiert, wir werden akzeptiert. Etwas höheres gibt es nicht, denn Fremde werden wir immer bleiben", weiß der Ex-Pfadfinder. Seine größte Sorge war die Integration der Kinder, "doch das war kein Problem, Florian ist sogar der Beste seiner Klasse". Coppenrath und Pilger wollen "bis zum Rentenalter" in Saint-Julien bleiben, soviel steht fest.

Ob sie aber am Lebensabend das Meer locken wird, wissen sie noch nicht. Bis dahin werden noch viele Aperitifs nach "Art des Hauses" (aus Cidre und Pflaumenschnaps und mit einem Schuss Brombeerlikör) serviert. Doris Coppenrath tischt weiter Entenleber in Portweinsoße mit Lauch auf, und Roland Pilger kredenzt den 96er Cheverny dazu. Das Hauptmenü (zu 230 Francs) lockt mit Leckereien von Fisch bis Lamm, Käseplatte und Dessert inklusive - wobei es zum Schluss des Mahls rote Grütze oder rheinische Herrencreme gibt ("der Nachtisch ist das einzige aus der deutschen Küche, mit dem man kulinarische Medaillen gewinnen kann"). Die Resonanz ist bemerkenswert und der Saal selbst an Abenden mitten in der Woche meist gut gefüllt.

Die Deutschen verhehlen ihren "Bio-Touch" nicht. Er werde "zunehmend gut angenommen", sagen sie. Doris Coppenraths Bruder arbeitet bei einem großen europäischen Verteiler von Biokost. Von dort beziehen die Neo-Franzosen Waren von Reis bis Hülsenfrucht. Ein Bio-Bauer liefert Obst und Gemüse. Nur das Fleisch in der "Auberge" ist nicht "Bio" - "das ist hier nicht zu bekommen", so Köchin Coppenrath, die ansonsten "aus Überzeugung und aus geschmacklichen Gründen" auf hochwertige Grundlagen ihrer Speisenfolge setzt. "Als es hier den Bio-Bauern noch nicht gab, haben wir uns oft nach dem Kaarster Wochenmarkt gesehnt", blickt Pilger zurück. Staatspräsident Jacques Chirac, der im Osten der Corrèze seinen Wahlkreis hat, war es übrigens, der die "Auberge" (noch unter dem Vorgänger der Kaarster) eröffnet hat. Coppenrath und Pilger hegen nun einen Traum: einmal den deutschen Bundeskanzler bewirten.

Auberge de St-Julien-aux-Bois, Le Bourg, F-19220 St-Julien-aux-Bois, Telefon 00 33/555/28 41 94, Fax -28 37 85, Internet www.auberge-saint-julien.fr.

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