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Jüchen: Zeugnis des Tagebaus

Jüchen : Zeugnis des Tagebaus

Der eine schreibt ein Buch, der andere lässt die abgebaggerten Orte virtuell weiterleben: Die Schüler Christian Kandzorra und Philip Rademacher beschäftigen sich seit Jahren unabhängig voneinander mit den Folgen des Braunkohletagebaus. Jetzt sind ihre erstaunlichen Arbeiten zu sehen.

Der Wind zerrt an seiner Jacke, in Holz kommt der Regen von der Seite. In dem Ort, den Christian Kandzorra in den vergangenen Jahren so oft besucht hat, herrscht Durchzug. Der Wind weht heftig zwischen den Häusern hindurch. In der Ferne drehen sich Windräder. Neuer Strom, Energiewende. Kein Tagebau. Und doch ist es dieses große Loch im Süden der Gemeinde Jüchen, das sie alle an diesen Punkt gebracht hat. Die 570 Holzer Bewohner, die für die Braunkohlebagger umsiedeln mussten. Und den 16 Jahre alten Schüler Christian Kandzorra, der darüber gerade ein Buch geschrieben hat. Es ist seine Geschichte über den Braunkohletagebau und die Umsiedlungen, so wie er sie in den Erzählungen der Holzer erlebt hat. "Der Gegensatz zwischen günstigem Strom und der verheizten Heimat", sagt er.

Wo früher Holz war, wird heute Braunkohle abgebaut. Foto: L. Berns

Christian Kandzorra ist erst 16, geht in die zehnte Klasse des Gymnasiums. Er gehört der ersten Generation Erwachsener an, die die Umsiedlung nicht selbst mitgemacht hat. Insofern ist sein Buch auch ein Zeitzeugnis, eines darüber, wie die Jugendlichen heute mit den Geschichten von früher umgehen. Und wie sie die Folgen heute noch erleben. Sein Buch hat 150 Seiten, es liegt gerade im Büro des Bürgermeisters. Harald Zillikens will ein Vorwort schreiben.

Am Grubenrand und an den Baggern vorbei fuhr Christian Kandzorra mit dem Fahrrad zur Recherche nach Neu-Holz. Foto: Michael Reuter

In Christians Erinnerungen beginnt der Tagebau mit einer Staubschicht auf einem Fenster. Familie Kandzorra war gerade frisch von Viersen nach Gierath gezogen. Und Christians Mutter regte sich fürchterlich über den neuerlichen Dreck auf der frisch geputzten Scheibe auf. Es war Grobstaub, der aus dem Tagebau herüberwehte. Wenig später sah er dem Schaufelradbagger beim Transport zu. Er war hin und weg. "Da wollte ich Baggerfahrer werden", sagt er. 2006 war er elf Jahre alt, und die meisten Holzer waren schon längst umgesiedelt, als er das erste Mal nach Alt-Holz kam. Der Moment, der ihn richtig prägte. "Verwahrlost, trist, es war einfach richtig still", erinnert er sich. "Ich habe mich gefragt: Was ist da los?" Es gibt Elfjährige, die andere Gedanken haben.

Zwei Jahre später sah er im Fernsehen einen Film über die Umsiedlung Otzenraths, mit einem Ausschnitt aus einer Bürgerbeiratssitzung. Damit begann Christians richtige Arbeit an dem Buch. Er fing an zu recherchieren, mit 13 Jahren. Er fuhr mit einem Freund nach Neu-Holz und befragte die Bewohner. Wie sie das erlebt haben. Mit einem vorgefertigten Fragebogen. "Wir sind wirklich wahllos durchmarschiert", sagt Christian. Er weiß noch genau den Namen, der auf der ersten Klingel stand, die sie drückten.

Nun fuhr er immer wieder von Gierath nach Holz. Auf dem Fahrrad vorbei am Grubenrand bis zu dem Ort, wo der scharfe Wind weht. Er fragte immer mehr Leute, traf sich mit dem Kapellenverein, dem Bürgerbeirat, er wälzte Akten, alte Bücher und Protokolle. 2009 schrieb er den ersten Satz zu dem Buch. Immer nur an wenigen Tagen in der Woche. "Das ist ein Hobby, kein Zwang."

Mittlerweile hielt er aber auch Vorträge in der Schule über den Tagebau. Er war zum Experten für Holz geworden. Er schrieb weiter, und irgendwann bemerkte einer der Befragten: "Wäre doch schade, wenn's im Regal endet." Im Februar stellt er sein Werk dem Förderverein des Gemeindearchivs vor. "Ich hoffe, dass es erscheinen kann. Ich würde mich schon freuen, wenn nur 50 Leute es haben wollen", sagt Christian Kandzorra. "Und wenn nicht, dann hatte ich meinen Spaß."

Er ist zum Experten für Holz geworden. Er geht über den Platz der Erinnerung in der Dorfmitte. Er ist gepflastert mit Steinen aus dem alten Ort. Und der Grundriss von Alt-Holz ist mit Bronzeelementen nachgebaut, direkt vor der neuen Kapelle. "Hier stand die alte Kapelle, da der Kinderspielplatz, und da war die Gaststätte – da spielte sich das Leben ab", sagt Christian Kandzorra. Er geht durch das wie aus dem Erdboden gewachsene Modell. Der Wind weht eisig. Baulücken im neuen Ort, eine Gaststätte gibt's auch nicht mehr. Christian hat gelernt: "Es wird noch lange dauern, bis sich im neuen Ort alles so entwickelt, wie im alten."

(RP)