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Jüchen: Premiere für das neue Flüchtlingscafé

Jüchen : Premiere für das neue Flüchtlingscafé

Das Flüchtlingscafé "Contact" hat in Jüchen eröffnet. Bei der Premiere kamen Gäste aus vielen verschiedenen Ländern zusammen.

Vor einer Premiere aufgeregt zu sein, ist nichts Ungewöhnliches. Und Jacqueline Hieronymus war aufgeregt am Samstag, als das "Flüchtlingscafé Contact" im Gemeindehaus der Evangelischen Kirche um 15 Uhr seine Pforten zum ersten Mal öffnete: "Was ist, wenn jetzt niemand kommt?", schoss es ihr immer wieder durch den Kopf. Aber zum Glück sollte ihr ein Flüchtlingscafé ohne Flüchtlinge erspart bleiben. Es kamen alleinerziehende Frauen, aber auch Familien und alleinstehende Männer. Sie genossen die kleine Abwechslung im eher tristen Alltag.

Jacqueline Hieronymus gibt Flüchtlingen Deutschunterricht im "Café Welcome" der Katholischen Kirche. Der evangelische Pfarrer Horst Porkolab wollte jetzt auch ein Angebot für Flüchtlinge in seinem Gotteshaus etablieren. Er hatte einen dringenden Termin und musste deshalb schnell weg, aber die Flüchtlinge kamen nach und nach. Wer das Gespräch mit den Fremden suchte, wurde nachdenklich: Nein, mit aufs Pressefoto wolle der 27-jährige Ägypter lieber nicht. Er hatte sich im Internet über die Machthaber in seinem Land negativ geäußert, fürchtet jetzt um Leib und Leben. Die Frage, die sich geradezu aufdrängte: Ob deutsche Wutbürger die Pressefreiheit ausreichend zu schätzen wissen, wenn sie Politiker in den sozialen Medien wüst beschimpfen?

Deutlich wurde auch, dass häusliche Gewalt in Flüchtlingsfamilien offenbar ein großes Thema ist. Eva Bushi (32) aus Albanien, die seit einem Jahr in Jüchen lebt und im Flüchtlingscafé mithilft, kann ein Lied davon singen und lebt jetzt mit ihren zwei Kindern allein. Sara (26) aus Syrien hat drei Kinder - und hat sich ebenfalls von ihrem aggressiven Partner getrennt. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern in einer Flüchtlingsunterkunft auf engstem Raum. Sohn Mohamed (8) tobte sich am Kicker mit anderen Kids so richtig aus. "Die beiden älteren Kinder gehen in die Schule, der Jüngste in den Kindergarten. Es ist sehr schön hier", sagte Sara. Und sie ließ erkennen, dass das Café schon eine willkommene Abwechslung sei. Vom Billardtisch wurde Majid, ein Jeside aus Russland, geradezu magisch angezogen. "So etwas kenne ich nur aus dem Fernsehen", erklärte der Familienvater, der mit seiner Frau und den beiden Söhnen gekommen war. Mischa (12) besucht eine spezielle Schule, weil er nur über fünf Prozent Sehkraft verfügt. Der Junge macht einen aufgeweckten Eindruck, spricht schon sehr gut Deutsch. Auch er genoss die ungewohnte Leichtigkeit des Seins im Flüchtlingscafé, auch er wurde von Ehrenamtlern umsorgt, bekam Apfelsaft und Kekse, die Eltern ließen sich Kaffee einschenken.

Irgendwie wirkte das "Flüchtlingscafé Contact" fast wie eine moderne Arche Noah - eine Zufluchtsstätte.

(NGZ)