Mitglieder des Seniorennetzwerks 55plus Jüchen stellten kritische Fragen bei der Fahrt durch den Tagebau Garzweiler

Ausflug in Garzweiler : Senioren stellen kritischen Fragen bei der Fahrt durch den Tagebau

Mit an Bord in dem bulligen Allrad-Bus waren Neubürger ebenso wie Alteingesessene, viele, die den wandernden Tagebau unmittelbar „vor ihrer Haustüre“ hatten oder haben, dazu auch ein ein ehemaliger „Rheinbrauner“.

Viel Betroffenheit und Interesse war „im Gepäck“, als jetzt 38 Jüchener Senioren und ein fünfjähriger Enkelsohn den RWE-Bus zur Fahrt durch den Tagebau Garzweiler bestiegen. Organisatorin Hildegard Unrein vom Seniorennetzwerk 55plus Jüchen hatte sogar mindestens 15 weitere Interessenten für diese erste Tagebaufahrt der Kulturgruppe abweisen und auf eine Warteliste setzen müssen: Ein Zeichen, solche Veranstaltungen öfter mal anzusetzen, meinte sie.

Mit an Bord in dem bulligen Allrad-Bus waren Neubürger ebenso wie Alteingesessene, viele, die den wandernden Tagebau unmittelbar „vor ihrer Haustüre“ hatten oder haben, dazu auch ein ehemaliger „Rheinbrauner“. Die Fahrt ging von Jüchen nach Grevenbroich zum Kohlebandsammelpunkt, dann mitten hinein in den Tagebau zum Flöz Garzweiler und zu einem der beiden größten Schaufelradbagger, die es in Europa gibt. Abschließend ging es zurück durch das Rekultivierungsgebiet. Die Jüchener wurden begleitet von einem Mann aus Hochneukirch: Jörg Weckauf, Abteilungsleiter für Großgeräte im Tagebau Garzweiler. Er musste bei dieser Exkursion immer wieder erklären, was RWE denn gegen den Staub und Dreck aus dem Tagebau unternimmt, der bekanntlich vor allem die Hochneukircher aktuell behelligt. Er sei ja selbst betroffen, wohne an der Feldstraße, also unmittelbar am Tagebau in Hochneukirch, verriet Weckauf. Gänzlich Herr werden könne RWE aber dem Staubflug vor allem dann nicht, wenn es starke Gewitter mit heftigen Windböen in Richtung Hochneukirch gebe: Und das, obwohl die Sprinkleranlagen automatisch in Gang gesetzt würden, wenn es entsprechende Wind- und Wetterprognosen gebe.

„Und wie sieht es mit der Feinstaubbelastung aus?“, fragten die Senioren nach. „Die Dreckwolken, die man sehen kann, sind kein Feinstaub, denn der ist unsichtbar“, antwortete Weckauf. Und er betonte wiederholt, im Tagebau Garzweiler dürften zwar bis zu 35 Mal im Jahr die Feinstaubgrenzwerte überschritten werden. Das sei aber noch nie vorgekommen: Aktuell seien für dieses Jahr 15 Überschreitungen eingetreten.

An der Tagebaufahrt nahm auch ein Ehepaar mit ihrem Enkel teil, die erst vor fünf Jahren von Neuss nach Jüchen gezogen sind. Sie hatten den Tagebau bislang nur vom Aussichtspunkt aus gesehen und bekamen nun „hautnah“ den Einblick, auch angesichts des riesigen Schaufelradbaggers, vor dem sich nicht nur ihr fünfjähriges Enkelkind wie ein Zwerg ausnahm. Ganz anders ein „Rheinbraun“-Rentner, der 40 Jahre im Tagebau gearbeitet hatte. „Ich bin gegen den Kohleausstieg. Es werden hier bei uns sehr viele Arbeitsplätze verloren gehen“, sagte der 78-Jährige, der aber wegen seiner kritischen Haltung aus Angst vor öffentlicher Anfeindung seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte.

Klaus-Dieter und Helma Hahn wohnen seit 45 Jahren in Bedburdyck und haben die Staubbelastungen durch den Tagebau in Erinnerung, als das „große Loch“ noch vor ihrem Ortsteil lag. Was Hochneukirch jetzt erlebt, das kennen sie aus eigener Anschauung. Das anstehende Kohleende sei ein „zweischneidiges Schwert“, meint Klaus-Dieter Hahn: Für den Umweltschutz sei es gut, aber wie sehe es künftig mit der Stromversorgung und den Arbeitsplätzen aus? Dass der Strom bald viel, viel teurer wird, befürchtet auch eine Seniorin aus Gierath, die namentlich nicht genannt werden möchte: Andererseits sei sie für einen Kohleausstieg, der aber vernünftig und geordnet erfolgen müsse: „Wir wollen ja auch nicht, dass die Leute ihre Arbeitsplätze verlieren“, sagt sie.

Sehr anschaulich wurden bei der Fahrt durch den Tagebau auch die geologischen Schichten im Flöz Garzweiler, auf dem ganz oben die Kohle abgebaggert wird, und an der Sohle tatsächlich der Sand aus der Nordsee zu erkennen ist. Auch erfuhren die Teilnehmer, wie lukrativ das Nebengeschäft mit dem im Tagebau anfallenden Kies für RWE ist. Diese Information rief aber die kritischen Geister in der Gruppe auf den Plan: Sie klagten über die vielen Kies-Lkw, die mitten durch Jüchen fahren. „Die stören mich auch“, musste Jörg Weckauf zugeben. Das Gros der Kies-Lkw-Fahrer nehme aber die Grubenrandstraße, meinte er.

Nicht unerwähnt blieb bei der Exkursion auch das leidige Thema der verzögerten Restlochverfüllung auf Jüchener Stadtgebiet. Der RWE-Mitarbeiter versuchte, die Senioren zu beschwichtigen: „Das Restloch wird auf jeden Fall noch verfüllt. Wir mussten aber zuerst die Autobahn 44n fertigstellen.“ Bis 2027 solle nun das Restloch verfüllt sein: „Das ist der Plan,“ fügte er hinzu.

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