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Jüchen: Jüdischem Leben ein Gesicht gegeben

Jüchen : Jüdischem Leben ein Gesicht gegeben

In seinem neuen Buch "Post aus Theresienstadt" beschreibt Dieter Ohlmann auch Zeiten, als Juden in Jüchen und auf den Dörfern als gute Nachbarn anerkannt waren. Ebenso erinnert er an die Deportierten und Ermordeten.

Einige Jugendliche der Gesamtschule Jüchen haben jüngst das KZ Auschwitz besucht. Doch jüdische Familien, die in die Vernichtungslager deportiert und dort getötet wurden, lebten auch bis zur NS-Herrschaft mitten in Jüchen, in Dörfern wie Bedburdyck, wo es auch eine Synagoge gab. Dieter P. Ohlmann hat sich die Spurensuche nach dem jüdischen Leben in Jüchen seit Jahrzehnten zu einer Aufgabe gemacht, die der ehemalige stellvertretende Leiter des Rheydter Hugo-Junkers-Gymnasiums mit Leidenschaft und Akribie verfolgt. Drei Jahre teilweise sehr schwierige Recherchearbeit hat der 77-Jährige in sein neues Buch über die Juden in Jüchen gesteckt: "Oft endeten meine Recherchen auch in Sackgassen, nicht jeder wollte sich erinnern", sagt er.

Doch auf 150 Seiten und mit Abbildungen gelingt es Ohlmann in seinem neuen Buch "Post aus Theresienstadt", teilweise mit Hilfe von Zeitzeugen, die Spuren der jüdischen Familien Ullmann, Liffmann und Oberländer nachzuverfolgen, die er bis ins 18. Jahrhundert dokumentiert. In Ortschaften wie Neuenhoven, Schelsen, Gierath, Stessen und Bedburdyck gab es jüdisches Leben. Vor allem aber stützt sich Ohlmanns Buch auf einen Zufallsfund von einem Speicher in Schaan: ein Karton, in dem sich unter anderem die Deportationsdokumente und sogar noch aus Theresienstadt nach Schaan geschriebene Postkarten befanden, die Ohlmann schließlich auch zu dem Titel seines Buches inspirierten. Die Jüdinnen Regina Lemm und Frieda Esser, geb. Ullmann waren aus ihrem Wohnhaus in Schaan ins KZ Theresienstadt verschleppt und dort ermordet worden. "Stolpersteine" am Haus erinnern an sie, so wie eine Gedenktafel an der Karl-Justen-Halle in Bedburdyck an die Synagoge erinnert, die gegenüber auf der anderen Straßenseite gestanden hat.

Ohlmann gelingt es in seinem Buch, dem jüdischen Leben in Jüchen wieder Gesichter zu geben - nicht nur mit den historischen Fotografien. Er ordnet ein und verdeutlicht, wie stark die Juden einst auch assimiliert waren: "Ich möchte mit dem Buch auch zeigen, dass es eine Zeit gegebenn hat, in der die Juden wie ganz normale Nachbarn angesehen waren", sagt der Autor und verweist auf das Beispiel des Bedburdycker Schützenkönigs von 1914, Josef Ullmann, der ein Jude war. Doch Die Familien Ullmann und Liffmann waren bereits unter der fürstlichen Herrschaft des Dycker Landes als Kaufleute, Vieh- und Pferdehändler angesehen, wie es Ohlmann in seinem Buch nachvollzieht.

Um neben der Auswertung des umfangreichen Speicherfundes auch authentische Informationen noch lebender Zeitzeugen und Nachfahren zu erhalten, hat Ohlmann seine Fühler bis nach New York ausgesteckt. Seine Anfragen seien aber nicht beantwortet worden, bedauert er. Auf der anderen Seite stieß er auf Holocaust-Überlebende wie Marianne Stern aus Hemmerden, Berta Silberblum und Joseph Aretz aus Bedburdyck und Alice Boonstra aus Kaster, die ihn auch bereits für sein Buch im Jahr 1998 unterstützt hatten. Fast alle Zeitzeugen seien inzwischen gestorben. In Tel Aviv lebe noch der 89-jährige Joseph Aretz, mit dem sich der Kontakt aber inzwischen schwierig gestalte, weil er kein Deutsch mehr spreche. Mit seinem neuen Buch ist dem ehemaligen Mathematik-und Physiklehrer Ohlmann nicht nur eine geschichtliche Aufarbeitung gelungen. Es spricht auch die Emotionen an, etwa dann, wenn er im Anhang "Das Lied von Theresienstadt" zitiert, in dem es u.a. heißt: "Wir kämpfen hier ums nackte Leben. Und jeder Tag bringt neue Not."

(NGZ)