Jüchen: Künstlerin sucht Nachfolger für ihr Museum

Jugendstil-Haus in Jüchen : Künstlerin sucht Nachfolger für ihr Museum

Inge Broska bewahrt in ihrem Jugendstil-Haus in Hochneukirch die kleinen und großen Erinnerungen an ein verschwundenes Dorf. Nun sucht sie einen Nachfolger.

Manchmal wacht sie nachts auf. Wälzt sich im Bett herum, kann nicht mehr schlafen. Inge Broska macht sich  Sorgen um das, was sie in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat – um die Zukunft ihres Hausmuseums.  „Irgendwann werde ich mal nicht mehr sein“, sagt die 76 Jahre alte Künstlerin.   Und sie fragt sich, was dann aus ihrer Sammlung werden wird. Aus all den Erinnerungen, den kleinen und größeren Stücken, die sie zusammengetragen und gerettet hat. Vor dem großen Bagger, der aus ihrem Heimatort Otzenrath eine Grube machte.

Konkret: Inge Broska sucht einen Nachfolger für ihr Museum, das sie 1992 mit dem Kölner Künstler Hans-Jörg Tauchert gründete. Das war in Otzenrath, Jahre vor der Umsiedlung. Nachdem das alte Dorf wegen des Braunkohle-Tagebaus vom Erdboden verschwand, fand das Paar ein neues Domizil für seine Sammlung: das prächtige, 1903 errichtete  Jugendstil-Pfarrhaus an der Hochstraße in Hochneukirch. Seit 2006 ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ein Museum – und zwar ein ganz besonderes. Nicht nur, weil Inge Broska darin lebt.

Vom Keller bis zum Dachboden hat die mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnete Künstlerin nahezu jeden Quadratmeter des Hauses ausgenutzt, um Grafiken und  Fotografien zu bewahren. Oder längst vergessene Wörter auf „Utzerather Platt“, die sie auf alten Schranktüren niedergeschrieben hat. Den größten Teil der Sammlung machen jedoch Erinnerungsstücke an das alte Dorf aus, in dem Broska aufwuchs. Und das sie als eine der letzten Bewohner verließ.

Da finden sich etwa die Kehrschaufeln und -besen wieder, die von den Otzenrathern vor ihren Haustüren zurückgelassen wurden. Oder Schneebesen in allen Formen, die Inge Broska aus den vielen Müllcontainern gefischt hat, nachdem aus der ehemaligen Heimat ein Geisterdorf wurde. Werkzeuge, Garten- und Küchengeräte, Schultornister, aber auch Postkarten, Kochbücher und Alben  halten die Erinnerung an das alte Dorf lebendig. Ebenso wie die Fotografien, die während der vier Jahre entstanden, in denen der Ort zerstört wurde.

Eine Besonderheit ist das Scherbenmuseum, in dem die Künstlerin das aufbewahrt, was andere weggeworfen haben: Bruchstücke von Kaffeekannen, Tassen, Tellern und Schüsseln in allen Farben und Formen. Auch sie sind Dokumente des Lebens im alten Dorf.

„Das alles liegt mir sehr am Herzen“, sagt die ehemals „wilde“ Performance-Künstlerin, die jetzt merkt, dass sie „etwas älter geworden“ ist und  „mal öfter krank“ wird. „Da macht man sich natürlich so seine Gedanken“, sagt Inge Broska. Die kreisen sich zurzeit immer wieder um die Frage, wer die ungewöhnliche, zweifellos einzigartige Sammlung einmal übernehmen und – so wie sie – in das weiße Jugendstil-Gebäude  mit dem großen, verwilderten Garten einziehen wird.

„Ich wünsche mir, dass dieses Haus als ein lebendiges Museum erhalten bleibt“, sagt die 76-Jährige. Damit meint sie nicht nur das Bewahren der vielen Exponate, sondern auch die künstlerische Arbeit mit den Kindern, die regelmäßig zu ihr kommen. Dann wird gemalt und gebastelt, geklönt und gelacht. So wie vor langer Zeit, in ihrem „zweiten Leben“ als Lehrerin. „Das ist etwas zum Anpacken, eine Integration von Kunst und Alltagsleben  – eine Sinnlichkeit, die vielen anderen Museen fehlt“, sagt Inge Broska.

Am liebsten wäre es ihr, wenn sie ihren Nachfolger noch einarbeiten könnte. Um ihm all das mit auf den Weg zu geben, was ihr wichtig erscheint und deutlich zu machen, „dass das Hausmuseum nicht untergehen darf“. Obwohl sie schon am mehreren Stellen nachgefragt hat, hat sie bislang niemanden gefunden, der dieses ungewöhnliche Stück Heimat übernehmen möchte. Inge Broska wird weitere schlaflose Nächte vor sich haben.

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