Jüchen: Hinter 401 Namen von Gefallenen und Gestorbenen der Weltkriege stecken 401 Schicksale

Aus der Geschichte von Wallrath : Hinter 401 Namen stecken 401 Schicksale

Bernd Mockel aus Wallrath sucht Daten und Fakten zu den Gestorbenen und Gefallenen der Weltkriege, die auf dem Gebiet der ehemaligen Gemeinde Bedburdyck gelebt haben. Zugleich ist die Arbeit eine Mahnung: Nie wieder Krieg.

Was sind das für Menschen gewesen, von denen nur die Namen geblieben sind? Diese Frage stellt sich Bernd Mockel aus Wallrath angesichts der Ehrenmale, die es fast überall gibt und auf denen die Namen der Gefallenen und Gestorbenen der beiden Weltkriege aus den jeweiligen Orten verzeichnet sind. Der Mittsechziger beschäftigt sich schon seit etlichen Jahren mit der Frage und hat inzwischen in der Wallrather Schulchronik und in der Wallrather Dorfchronik sein erforschtes Wissen über die gefallenen und vermissten Soldaten aus Wallrath niedergelegt. Unlängst hatte Mockel, der sich seit 30 Jahren im Geselligkeitsverein Wallrath engagiert, anlässlich des Volks- und Heimatfestes in der Festschrift die Daten der Rather Soldaten veröffentlicht. Doch damit ist seine Arbeit nicht getan. „Ich möchte das Schicksal aller Gefallenen und Vermissten aus der ehemaligen Gemeinde Bedburdyck aufklären“, sagt er. Insgesamt dürften es 401 sein; so viele Namen hat er jedenfalls herausgefunden. Für die Hälfte der Verstorbenen konnte er inzwischen Geburtstag und Tod sowie die Orte herausfinden, wenn nicht das schmerzende „gilt als vermisst“ und „vom Amtsgericht für tot erklärt“ ungewisse Gewissheit gibt.

„Die Daten und Fakten herauszufinden, ist nicht immer leicht“, weiß er und beschreibt, wie er vorgegangen ist: „Auf den Ehrenmalen und Tafeln finden sich oft die ersten Hinweise.“ Aber nicht immer, wie etwa in Neuenhoven, wo es am Ehrenmal nur noch eine halbe Namenstafel gab. Da half ihm der Blick in ein Buch weiter, in dem Ansichtskarten aus Neuenhoven veröffentlicht waren und in dem das Ehrenmal mit noch vollständiger Tafel abgelichtet war. „Der Name ist der erste Schritt.“ Dann folgt eine aufwendige und bisweilen mühsame Recherche und Suche, die durch die Gesetze nicht gerade erleichtert wird.

Im Internet, in Kirchbüchern und in Standesämtern sucht er nach Hinweisen zum Geburtstag und Ort, die zu dem Namen passen könnten. Datenschutz und Sperrfristen sind da echte Hemmschuhe, hat Mockel festgestellt, die selbst beim Deutschen Roten Kreuz nicht Halt machen. So gelten 110 Jahre seit der Geburt, 80 Jahre seit der Eheschließung und 30 Jahre nach dem Tod als Fristen, nach denen Daten öffentlich werden.

Begonnen hat die Erforschung der menschlichen Schicksale aus einem anderen Anlass: Drei Soldaten, die sich in Wallrath versteckt hatten, wurden beim Einmarsch der US-Streitkräfte am 28. Februar 1945 getötet. Mockel wollte herausfinden, woher sie kamen und wer sie waren. „Zwei stammten aus Berlin. Einer ist immer noch unbekannt.“ Er konnte den Lebensweg eines Soldaten nachverfolgen und sogar Kontakt zu dessen Schwester aufnehmen. Sie hat ihm Fotos des Mannes überlassen und hat das Grab an der Gedenkstätte in Kloster St. Nikolaus besucht. Vom Schicksal der fremden Soldaten war es nicht mehr weit zum Schicksal der heimischen Kriegsopfer. „Erstaunlicherweise finden sich sogar die Namen einiger Frauen auf den Ehrentafeln“, sagte Mockel. Vermutlich seien es Krankenschwestern oder Helferinnen gewesen.

Drei Gründe sind es, die Mockel zu der Arbeit, die wohl noch einige Jahre andauern wird, bewegen: Die Menschen, die immer wieder zu Gedenkfeiern an Ehrenmälern kommen, sollen wissen, wer sich hinter den Namen auf den Tafeln verbirgt. Den Menschen, denen gedacht wird, bekommen vom ihm, wie er sagt, „ein individuelles Gesicht“. Und zugleich ist die Beschäftigung und die Veröffentlichung eine Mahnung: Nie wieder Krieg. Das Leid und der Tod aus zwei Weltkriegen auf deutschem Boden dürfen nie in Vergessenheit geraten. Mockel meint dazu: „Es waren bedauernswerte einfache Mitbürger, die meistens, ohne gefragt zu werden, zum Militär eingezogen wurden. Da standen sie nun in der Blüte ihres Lebens. Es gab kein Entrinnen.“ Viele starben fern der Heimat. „Sie lebten zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Was hätten die Soldaten, statt in einen unseligen und unsinnigen Krieg ziehen und sterben zu müssen, mit ihrer Energie alles für friedliche Zwecke leisten können?“

Und dann ist da noch ein Einzelschicksal eines Soldaten aus Wallrath, das Mockel nicht los lässt. Der Name des Mannes ist auf einer Ehrentafel in Grevenbroich verewigt. Dort ist er 1950 auf offener Straße verstorben, vermutlich wegen einer Tuberkulose-Erkrankung, die er sich im Krieg zugezogen hat. „Immer noch werden für ihn in Grevenbroich Blumen und Kerzen aufgestellt. Doch diejenigen, die heute noch an ihn denken, geben sich nicht zu erkennen.“ Mockels schriftlich auf dem Grabstein hinterlegte Bitte, sie mögen sich an ihn wenden, wurde bisher nicht erfüllt. Aber noch gibt der Dorfchronist seine Hoffnung nicht auf, auch dieses Schicksal lückenlos aufzuklären.

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