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Jüchen: Gottesdienst auf der Wiese beim Nikolauskloster

Abendmahl in Corona-Zeiten : Gottesdienst auf der Klosterwiese

Zu den Utensilien für die heilige Messe zählten dieses Mal auch Desinfektionsmittel. Die Besucher, die den Mindestabstand einhielten, hörten nicht nur die Stimmen des Paters und des Organisten, sondern auch die der Vögel.

Abstand halten beim Gottesdienst: Wo ist das leichter möglich als auf der Wiese des Nikolausklosters? Am Samstagnachmittag war alles bestens vorbereitet, Joachim Schröder hatte als Küster neben den üblichen Utensilien auch das Desinfektionsmittel nicht vergessen, die Firma Vision Media Systems aus Neuss hatte die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Pater Andreas Petith auch auf dem hintersten Platz gut zu hören war. Was zunächst jedoch fehlte, waren die Besucher. Das dürfte an den dunklen Regenwolken gelegen haben. Aber Punkt 18 Uhr waren dann doch alle 100 weißen Gartenstühle besetzt, und einige Besucher mussten sich mit einem Stehplatz begnügen. Pater Petith merkte man deutlich an, dass ihm seine Predigt sehr am Herzen lag. Und sie hatte denn auch den Charakter einer Ruckrede.

„Vielleicht sind die schlechten Zeiten gar nicht so schlecht. Eine Krise kann auch die Stunde der Wahrheit sein“, sagte Pater Andreas Petith. Er hofft, dass die Menschen etwas daraus lernen mögen. Zum Beispiel, „dass das Heil nicht allein in Wirtschaft, Fortschritt und Wachstum zu suchen ist“. Seine Bilanz: „Je mehr wir haben, desto ärmer sind wir geworden.“ Die Zeit sei arm an Gütern, die es nicht zu kaufen gibt wie Treue und verlässliche Beziehungen. Mit der Corona-Krise sei quasi über Nacht das große Erwachen gekommen. „Wir haben hier wegen des Borkenkäfers zwölf Bäume fällen müssen, das Klima verändert sich“, beklagte der Prediger. „Gesundheit, tiefe Freude, ein glückliches Gelingen unseres Lebens, all das können wir nicht kaufen, wir bekommen es von Gott geschenkt. Jesus gibt unserem Leben Fülle“, hörten die Gläubigen, die von einem Regenschauer verschont bleiben sollten. Und sie gehörten die Klänge und die Stimme von Organist Detlef Monecke – und das Zwitschern der Vögel.

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Es waren vor allem ältere Menschen, die endlich mal wieder einen richtigen Gottesdienst mitsamt Abendmahl feiern wollten, aber einige Jüngere waren ebenfalls dabei. Petra Heimanns aus Kleinenbroich saß in der ersten Reihe. Sie ist fest im Glauben verankert. „Den Ostergottesdienst habe ich am Laptop per Lifestream verfolgt, es war ein Geistergottesdienst“, sagte Petra Heimanns. Sie war jetzt umso glücklicher über den Gottesdienst auf der Klosterwiese. Stefanie Kerstges aus Neuss war mit Ehemann Gerd gekommen, der für die Tontechnik zuständig war. „Morgens hatten wir noch überlegt, ob wir die Veranstaltung absagen sollten, weil es sehr kalt war und es zu regnen drohte“, erklärte sie.

Pater Petith warb in seiner Predigt ja für eine Entschleunigung auch in der Zeit nach Corona. Ob er dabei auch an Peter Strehlau gedacht hat: Der 73-Jährige lauschte dem Gottesdienst auf dem Klappstuhl seines kleinen Wohnwagens. Er hat seine Wohnung in Glehn aufgegeben und möchte mit seiner Frau Europa erkunden. „Wer sich weiterentwickeln will, muss die Komfortzone verlassen“, ist seine Devise.