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Jüchen: Gemüse schnippeln für die Flutopfer

Nach der Überschwemmung : Jüchener versorgen Flutopfer mit eimerweise Gemüse und Gegrilltem

Die Hilfe für das Katastrophengebiet im Kreis Ahrweiler läuft auch sechs Wochen nach der Überschwemmung weiter. Christa Schmitter und andere Jüchener versorgen jede Woche Flutopfer mit eimerweise Gemüse und Gegrilltem.

Freitag ist Gemüsetag. Rund ein halbes Dutzend Menschen, vor allem Frauen, sitzt vor etlichen Lebensmitteleimern in der Küche, sie schnippeln Paprika, Zucchini, Champignons, Gurken, Spitzkohl und Wirsing – und das keineswegs zum Selbstverzehr. Hungrige ganz woanders warten auf die Vitamine. Jeden Samstag rollt ein Transport mit Fleisch und dem zerkleinerten Gemüse in Richtung Dernau, einem Ort bei Ahrweiler, um in der Flutkatastrophe Betroffene mit nahrhafter Kost zu versorgen. „Wir machen weiter, so lange es nötig ist“, sagt Christa Schmitter (66) in Jüchen, die sich mit ihrem Sohn Michael, etlichen Freundinnen und in Zusammenarbeit mit anderen Jüchener Gruppen für die Menschen in Rheinland-Pfalz engagiert, auch sechs Wochen nach dem so verheerenden Starkregen.

Die Bilder von den Überschwemmungen und Zerstörungen hatte sie im Urlaub gesehen. „Grausam, diese armen Menschen“, dachte sie. Wenige Tage später sei einer ihrer Söhne, Frank, mit einem Anhänger voll Lebensmittel hingefahren. Nach ihrer Rückkehr entschloss sich die Jüchenerin: „Auch ich helfe.“

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Mehrere Wochen war sie mit Grillteams jeden Tag in Ahrweiler vor Ort. „Um 8 Uhr ging es los, wurde Kaffee gekocht, später gab es Gegrilltes und Hausmannskost. „Viele Menschen dort können sich nichts mehr warm machen. Viele haben bis heute kein Wasser, kein Gas, keinen Strom. Alles ist futsch.“ Das Deutsche Rote Kreuz habe mittags zwar Essen ausgegeben. „Aber oft war es kaum genießbar, zudem arbeiten viele Betroffene an ihren Häusern durch, kommen zum Essen, wenn sie Zeit haben.“

 Michael Schnitter (l.) und Franz Hirst an der Grillstation im Kreis Ahrweiler.
Michael Schnitter (l.) und Franz Hirst an der Grillstation im Kreis Ahrweiler. Foto: Familie Schmitter

Doch irgendwann mussten viele ehrenamtliche Essensverpfleger wieder in den Beruf oder zur Familie. Mit der Hilfe aufhören, das kam für die 66-Jährige nicht in Frage. Ein Mann aus Ahrweiler, Franz Hirst, habe geschrieben: „Wir können die Leute nicht hängen lassen, ich mache weiter.“ Christa Schmitter, ihr Sohn Michael und andere blieben ebenfalls dabei. „Wir grillten nur für Euch“ heißt die Gruppe mit Mitgliedern aus vielen Orten, die sich auf Facebook positioniert hat.

Die 66-Jährige sprach Bekannte an, das Jüchener Team um die Schmitters kooperiert bei der Lebensmittelversorgung mit den Grillern „Steakhunter“ aus Jüchen und „Ring of Fire Barbecue“ in Otzenrath. „Wir sprechen uns ab. Wer Zeit hat, fährt mit“, sagt Christa Schmitter. Die Lebensmittelhilfe wurde in mehrfacher Hinsicht umgestellt. Nun geht es jedes Wochenende statt nach Ahrweiler in den Nachbarort Dernau.

„Der kleine Ort war lange abgeschnitten, rund 85 Prozent der Gebäude sind zerstört. Man fährt wie durch eine Geisterstadt“, schildert Michael Schmitter. Viele Bewohner seien in Zelten, Behelfslagern oder in vorher leer stehenden Wohnungen, die RWE zur Verfügung stellt, untergekommen. Auch bei der Logistik änderte sich einiges. „Anfangs rief jeder seine Bekannten an, fragte, wer was zur Verfügung stellen könne. Wir wussten nicht, was kam, und haben daraus dann etwas gezaubert. Das war eine Herausforderung“, berichtet der 39-Jährige.

Mit der Umstellung auf die Wochenend-Fahrten ist mehr Zeit zum Organisieren. „Nach der Rückkehr beginnt sofort die Planung für die nächste Tour. Zunächst wird viel telefoniert, mittwochs und donnerstags werden die Lebensmittel abgeholt oder gebracht“, schildert Michael Schmitter. Hauptsponsoren seien Brüchers Hofladen in Waat, die Bäckerei Weyers und Rewe Ermer.

 In großen Eimern wird das zwerkleinerte Gemüse gesammelt und am Tag darauf nach Rheinland-Pfalz gebracht.
In großen Eimern wird das zwerkleinerte Gemüse gesammelt und am Tag darauf nach Rheinland-Pfalz gebracht. Foto: Familie Schmitter

Freitags steht dann das gemeinschaftliche Gemüse-Schnippeln auf dem Programm. Rund 130 Kilo Gemüse werden zerkleinert und verpackt, um am nächsten Morgen mit 80 Kilogramm Nackenfleisch und 1000 Würstchen im Kühlanhänger auf die Reise zu gehen.

Dann wird in Dernau die von sechs bis acht Jüchenern besetzte Grillstation aufgebaut, mit mehreren Grills und großen Pfannen, in denen das Gemüse zubereitet wird. „Die Menschen brauchen Vitamine“, sagt Christa Schmitter. „Manche Leute, die kommen, haben Tränen in den Augen, weil sie was Vernünftiges zu essen bekommen“, schildert sie. Natürlich wird an der Station über das Erlebte, über die Sorgen und Nöte gesprochen, auch Freundschaften sind entstanden. „Ich glaube, dass rund 80 Prozent der Betroffenen zwar ,funktionieren‘, dass sie aber noch längst nicht verarbeitet haben, was da passiert ist. Viele Leute sagen, dass in drei bis fünf Jahren ein geregeltes Leben wieder möglich sei“, erklärt Michael Schmitter. Die Sorge gelte auch dem kalten Winter und der Frage, wann etwa das Gasnetz wieder aufgebaut sei.

Die Hilfe der Jüchener wird also weiter gefragt sein, und es wird noch manches Küchen-Treffen nötig sein, um Gemüse zu schnippeln.