Ulrich Clancett: Ab September nicht mehr Regionaldekan

Ulrich Clancett: Ab September nicht mehr Regionaldekan

Ulrich Clancett spricht über pfingstliche Begeisterung, das Kreuz in Amtsstuben und die Verantwortung der Ortskirche.

Herr Clancett, was hat es eigentlich mit Pfingsten auf sich? Wie erklären Sie dieses Fest dem kirchenfernen Laien?

Clancett Pfingsten ist sicher ein schwierigeres Fest, weil es anders als Weihnachten mit der Krippe und Ostern mit einem leeren Grab nichts konkret Fassbares hat. Um es zu verstehen, muss man die Pfingstgeschichte kennen, wie sie im Neuen Testament erzählt wird. Da sitzen die Jünger in einem abgeschlossenen Raum zusammen und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Sie haben Angst vor Verfolgung. Und dann geschieht etwas, das die Bibel durch Bilder wie das Brausen eines gewaltigen Windes und Feuerzungen beschreibt. Und die Jünger verlieren ihre Angst, gehen hinaus und erzählen allen begeistert von ihrem Glauben. In dem damals internationalen Jerusalem versteht sie plötzlich jeder, egal welche Sprache er spricht. Das hat für mich übrigens gar nichts Übernatürliches. Wer so begeistert ist, der braucht keine Sprache, um sich zu verständigen und andere anzustecken. Das nennen wir Christen den Heiligen Geist. Es ist der Geist, der Menschen zusammenführt.

Was bedeutet Ihnen Pfingsten?

Clancett Ich finde Pfingsten faszinierend. Der völkerverbindende Aspekt, den Pfingsten zum Ausdruck bringt, ist einzigartig. Eigentlich ist Pfingsten eine Blaupause, wie man mit Glauben umgeht. Wenn jemand nicht versteht, dass Begeisterung auch ohne gemeinsame Sprache auskommen kann, dann erinnere ich gern an die Fans im Stadion. Wenn dort gemeinsam gejubelt wird, springt der Funke auch ohne Sprache über. Pfingsten ist auch der Abschluss des Festreigens. Danach geht es darum, die Geschichte weiterzutragen. Aus dem abgeschlossenen Raum hinaus in die Stadt.

Lassen sich Menschen denn heute von Pfingsten anstecken? Wie voll sind die Kirchen?

Clancett Seien wir ehrlich: Pfingsten ist Urlaubszeit. Wahrscheinlich besonders in diesem Jahr, wo es auch noch Pfingstferien in Nordrhein-Westfalen gibt. Die Besucherzahlen sind überschaubar.

Wir leben in krisenreichen Zeiten. Welche Entwicklung macht Ihnen Sorgen?

Clancett Es gibt ein Phänomen, das mich derzeit sehr beschäftigt: das Auseinanderdriften der Gesellschaft in die Extreme. Eine aktuelle Forschungsarbeit macht das am Beispiel Essen klar: Dort gibt es einen extrem reichen Süden und einen sehr armen Norden. Was macht das mit einer Stadt? Oder die Diskussion um die Echo-Preisverleihung. Die Leute, die "Kollegah" hören, sind im Internet und den sozialen Medien unterwegs. Durch die anderen Medien werden sie gar nicht mehr erreicht. Das Ganze gilt auch umgekehrt. Die Entwicklung geht auseinander, die Gesellschaft ist gespalten. Wir müssen wachsam sein.

Was können die christlichen Gemeinden dieser Entwicklung entgegensetzen?

Clancett Die Gemeinden müssen verstärkt gemeinsame, ökumenische Angebote entwickeln. Und wenn ich ökumenisch sage, dann meine ich nicht nur evangelisch und katholisch. Wir haben auch griechisch-orthodoxe und russisch-orthodoxe Gemeinden in der Stadt ebenso wie eine Vielzahl von orientalischen Kirchen wie beispielsweise die chaldäische. Der christliche Glaube wird internationaler, was bedeutet, dass wir uns neu aufstellen müssen.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit der jüdischen und den muslimischen Gemeinden?

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Clancett Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist eine gute Plattform, in der man sich kennt und schätzt. Die jüdische Gemeinde leistet etwa eine großartige soziale Arbeit bei den Zuwanderern aus Russland. Bei der Zusammenarbeit mit den muslimischen Gemeinden gibt es außer dem erfolgreichen interkulturellen Frauenfrühstück zurzeit keine aktuellen Projekte.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will in allen Behörden Kreuze aufhängen. Wie stehen Sie dazu?

Clancett Ich halte es für sehr schwierig, so etwas zu verordnen. Erstens sind wir keine geschlossene christliche Gesellschaft mehr, und das ist in München nicht anders als in Berlin und anderswo. Deshalb ist das Neutralitätsgebot des Staates wichtig. Was also soll ein muslimischer Asylbewerber denken, wenn er von einer Behörde abgelehnt wird, in deren Räumen ein Kreuz hängt? Dass er im Namen des Kreuzes abgelehnt wird? Man kann ein Kreuz auch deshalb nicht verordnen, weil es mit einer entsprechenden Haltung einhergehen muss. Ein Kreuz ist kein Deko-Element.

Ministerpräsident Söder will es aber nicht als religiöses, sondern stattdessen als kulturelles Symbol verstanden wissen.

Clancett Wenn das Kreuz kein religiöses Symbol ist, ist es ein altpersisches Folter- und Hinrichtungsinstrument. Was bitteschön hat ein solches Hinrichtungsinstrument in einer Amtsstube zu suchen? Ich habe nichts gegen Kreuze in Krankenhäusern oder Gerichten - ganz im Gegenteil! Aber es darf keine Pflichtveranstaltung sein. Das Kreuz verlangt immer eine entsprechende Haltung dessen, der es aufhängt. Sonst wird es zur Schachfigur einer Wahlkampfstrategie.

Es gibt, ausgelöst durch eine Gruppe von deutschen Bischöfen, die sich an Papst Franziskus in Rom gewandt hat,derzeit eine intensive Diskussion über die Zulassung von evangelischen Ehepartnern zur Eucharistie. Wie stehen Sie dazu?

Clancett Der Papst hat nicht entschieden, sondern beide Parteien wieder nach Hause geschickt, damit sie sich untereinander einigen. Das ist ein Trend weg von Zentralentscheidungen hin zur verantwortlichen Ortskirche. Es kommt auf die Menschen vor Ort und den jeweiligen Einzelfall an. Das ist ein anspruchsvoller Weg, der da eingeschlagen wird. Für mich ist klar, dass jeder, der zur Kommunion hinzutritt, für sich eine Entscheidung getroffen hat, die ich zu respektieren habe. Als Spender habe ich nicht das Recht, jemanden auszuschließen. Das Urteilsvermögen des Einzelnen ist entscheidend. Als Seelsorger unterstütze und begleite ich auf diesem Weg.

Ihre Amtszeit als Regionaldekan läuft demnächst aus. Wie geht es weiter?

Clancett Ja, meine Amtszeit endet am 31. August 2018. Und auch das Amt des Regionaldekans geht damit zu Ende. Ab 1. September wird es dann die Funktion des Regionalvikars geben, die Pfarrer Klaus Hurtz aus Rheydt übernehmen wird.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ANGELA RIETDORF UND GABI PETERS

(NGZ)
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