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Wermelskirchen: Dem Wald im Bergischen geht es schlecht

Exkursion mit dem Regionalforstamt : Dem Wald im Bergischen geht es schlecht

Regionalforstamtsleiter Kay Boenig spricht von „katastrophalen Zuständen“. Schuld daran ist vor allem die lange Trockenheit seit zwei Sommern, die die Bäume in Oberberg schwächt und den Borkenkäfer sich ausbreiten lässt.

Es sind drastische Worte, die Kay Boenig, Leiter des Regionalforstamts Bergisches Land, findet. Aber sie sind nur die Bestätigung dessen, was sich im nunmehr zweiten Jahr abzeichnet: Dem Wald geht es schlecht. „Die derzeitige Situation ist katastrophal“, sagt Boenig. Die Menschen müssten sich zwar keine Sorgen machen, dass es künftig keinen Wald mehr gebe. Aber unabdingbar sei die Einhaltung der Klimaziele. „Wenn es Ende des 21. Jahrhunderts um drei oder vier Grad wärmer ist, haben wir ein Problem. Dann können auch robuste Baumsorten nicht mehr überleben“, sagt Boenig.

Das größte Problem ist die Kombination aus Trockenheit und heißen Temperaturen im Sommer. „Die Wälder im nördlichen Oberbergischen Kreis sind nicht ganz so stark betroffen – dort gab es tatsächlich zwei Gewitter mehr, die uns einige Liter Regen gebracht haben“, sagt Hans-Friedrich Hardt, Waldbauer aus Hückeswagen und stellvertretender Vorsitzender des Waldbauernverbandes Nordrhein-Westfalen. Dennoch habe es auch im Norden gewaltige Schäden gegeben. „Neben der Borkenkäfer-Kalamität waren das noch die Stürme Burglind und Friederike, die noch dazu nicht lokal begrenzt gewütet, sondern praktisch europaweit für viel Sturmholz gesorgt haben“, sagt Hardt.

An dieser Stelle seien nun verschiedene Probleme zusammengekommen, meint Boenig. „Auf der einen Seite haben wir im Bergischen viel Schadholz, aktuell nur bei der Fichte 1,4 Millionen Kubikmeter. Im Vorjahr waren es 350.000 Kubikmeter.“ Im Oberbergischen Kreis könne man wegen der großen Waldflächen von 50 Prozent dieser Mengen an Schadholz ausgehen. „Dieses Schadholz ist durch Sturm und Käfer angefallen. Wir können aber nicht mehr als 400.000 Kubikmeter davon vermarkten. Der Grund liegt in den ausgereizten Kapazitäten in den Sägewerken“, sagt Boenig. Kurioser Effekt: Nordrhein-Westfalen ist Holzimportland, braucht eigentlich mehr Holz. „Aber weil das Holz, das da ist, nicht verarbeitet werden kann, muss es von hier nach China exportiert werden, während wir für unseren eigenen Bedarf Holz importieren müssen“, sagt Boenig.

Der Regionalforstamtsleiter räumt mit einem Vorurteil auf: „Der Borkenkäfer ist ein ganz normaler Waldbewohner. Die Bäume können sich eigentlich auch dagegen wehren, wenn er sich breitmachen will. Denn dann sondern sie Harz ab, und so erstickt der Käfer beim Versuch, sich unter die Rinde zu bohren.“ Allerdings gehe das nur, wenn die Bäume „im Saft“ stünden, heißt: Wenn sie genug Wasser im Boden haben und nicht unter Trockenheitsstress leiden. „Das war eben 2018 nicht der Fall und ist es auch in diesem Jahr nicht gewesen“, sagt Boenig. Und wenn dann noch die warme Witterung dazukomme, könne der Borkenkäfer bis zu drei Generationen pro Jahr ausbrüten. „Man muss sich vergegenwärtigen, dass ein Weibchen etwa 200.000 Käfer ausbrüten kann“, sagt Boenig.

Die Konsequenz aus diesem Überangebot an Holz ist natürlich ein Preisverfall. „Aktuell sind die Preise bei 35 Euro pro Festmeter, übrig bleiben dem Waldbauern davon zwei bis fünf Euro“, sagt Boenig. Er gehe von Schäden von 50 Millionen Euro im Bergischen Land aus, davon wiederum etwa die Hälfte im Oberbergischen Kreis.

Bei all diesen Hiobsbotschaften bleibt die Frage: Was kann man tun? „Ganz akut müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Schäden im Wald nicht zur Gefahr für die Menschen werden. Das heißt, die kaputten Bäume müssen abgetragen werden“, sagt Boenig. Dabei appelliere er an alle Waldbesitzenden, sich um ihren Wald zu kümmern. „Aber wir können letztlich auch nur die Liste der Schäden nach und nach abarbeiten, stehen hierzu in enger Absprache mit dem Landesbetrieb Straßen und den Bauhöfen in den Kommunen“, sagt der Regionalfortstamtsleiter. Er wünsche sich Verständnis der Bürger, wenn Baustellen wegen der Arbeiten nötig wären oder auch Waldbereiche gesperrt werden müssten. Langfristig gehe es darum, klimastabile Wälder zu etablieren. „Alle Prognosen sprechen eine deutliche Sprache: Es wird wärmer, und Wetterextreme werden zunehmen“, sagt Boenig. Jede Baumsorte habe Standortansprüche, aber Sorten wie Douglasie, Lärche, Eiche und Buche oder Wildobstbäume und Nussbäume könnten mit wärmeren Temperaturen und weniger Niederschlag eben besser umgehen.

„Die Wälder müssen noch mehr auf Vielfalt gepflegt werden. Wir müssen uns breiter aufstellen und noch mehr mischen. Im Bergischen gibt es bereits 70 Prozent Mischwald, das müssen wir erhalten und fördern. Aber es ist eine Aufgabe, die viel Geduld erfordert“, sagt Boenig. Und nicht zuletzt ein grundsätzliches Umdenken der Menschen, wie sie mit der Natur umgehen würden.