Hückeswagen: Vom Kopf auf die Füße

Hückeswagen : Vom Kopf auf die Füße

Die Umstellung auf Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen stellt die Techniker vor ganz neue Herausforderungen. Das Stromnetz und die gesamte Infrastruktur müssen angepasst werden.

Zurück zu den Wurzeln und zugleich auf zu neuen Horizonten: Vor dieser Herausforderung steht die Energiewirtschaft in Deutschland, wenn es um die vermehrte Nutzung Erneuerbarer Energie geht. Um zu verstehen, welchen Umbruch die Energieversorger stemmen müssen, wenn zunehmend Strom dezentral und aus regenerativen Energien erzeugt werden soll, empfiehlt sich ein Blick in die Vergangenheit.

Der Experte für technische Fragen und deren historische Entwicklung ist beim heimischen Energieversorger BEW der Diplom-Ingenieur Mathias Wiemer. Er ist unter anderem zuständig für die technische Infrastruktur rund um den Strom. "Ich habe noch Altmonteure kennen gelernt, die erzählt haben, dass Landwirte ein Schwein für ein Freudenfest schlachteten, wenn wir die Stromleitungen bis zum Gehöft legten", erinnert sich Wiemer im BM-Gespräch schmunzelnd an frühere Zeiten.

Kleine lokale Stromproduzenten

Noch ein Blick zurück in die Geschichte: Die alten Mühlen, die es früher an der Wupper und anderen Flüssen der Region in großer Zahl gab, nutzten die Wasserkraft. Später wurde an gleicher Stelle mit Turbinen Strom für die neuen Fabriken erzeugt. Die lokalen Stromproduzenten begannen, mit dem für die Produktion nicht benötigten Strom umliegende Gebäude zu versorgen. Der Staat erteilte erste Konzessionen für ein Alleinversorgungsrecht.

Es folgte die Industrialisierung — und am Ende stand die zentral orientierte Struktur, wie wir sie heute kennen. Im Ruhrgebiet befinden sich große Kohlekraftwerke, woanders wurden Atomkraftwerke gebaut. Relativ wenige Erzeuger-Anlagen versorgen also das komplette Bundesgebiet mit Strom. Und nun der Paradigmenwechsel. Hintergrund: Kohlekraftwerke mit veralteter Technik gefährden das Klima, und die Atomenergie hinterlässt Atommüll für Jahrtausende. Eine Alternativstrategie ist die Nutzung von Erneuerbaren Energien. Das Problem: Plötzlich befinden sich die Energiequellen dezentral an unzähligen Stellen im und auch auf dem Land. Aber genau dort sind die Stromleitungen am schwächsten.

Mathias Wiemer bemüht eine Analogie: "Stellen Sie sich den Blutkreislauf eines Menschen vor. Das Blut kommt vom zentralen Kraftwerk, dem Herzen." Je größer nun die Entfernung vom Zentralorgan, desto dünner werden die Adern. Trotzdem könne jeder Bereich des Körpers versorgt werden. "Unsere Stromversorgung ist genauso aufgebaut. Der entlegenste Winkel im Land muss und soll versorgt werden. Und plötzlich entstehen genau dort die kleinen Kraftwerke. Da wird das System vom Kopf auf die Füße gestellt", sagt Wiemer. Die Konsequenz: Die Stromadern müssen ausgebaut, verändert oder verlegt werden.

"Vor jeder neuen Anlage müssen wir rechnen, ob das Vorhaben überhaupt realisiert werden kann und was an der Infrastruktur verändert werden muss", erläutert Wiemer. Die Techniker und Planer der BEW stehen — wie die gesamte Energiewirtschaft in Deutschland — vor ganz neuen Aufgaben.

(RP)
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