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Hückeswagen: Rat und sensible Hilfe für verwaiste Eltern

Hückeswagen : Rat und sensible Hilfe für verwaiste Eltern

Der Tod des eigenen Kindes gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Marina Glavas hat das vor 14 Jahren selbst erleben müssen. Heute hilft die Hückeswagenerin anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe.

Der dreijährige Andre war ein fröhliches Kind. Liebevoll, sprachbegabt, herzlich und bei allen sehr beliebt. Mit 20 Monaten erkrankte er an Leukämie. Eineinhalb Jahre später, kurz nach Abschluss der erfolgreichen Behandlung, starb der Junge im Juni 2001 in der Uniklinik Düsseldorf bei einem Routineeingriff. Sechs Wochen vor seinem vierten Geburtstag. Für seine Eltern und die Familie ein Schock.

 Marina Glavas mit einem Bild ihres 2001 im Alter von drei Jahren verstorbenen Sohns Andre. Die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern" in Lindlar hat der Hückeswagenerin geholfen, das traumatische Geschehen zu verarbeiten.
Marina Glavas mit einem Bild ihres 2001 im Alter von drei Jahren verstorbenen Sohns Andre. Die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern" in Lindlar hat der Hückeswagenerin geholfen, das traumatische Geschehen zu verarbeiten. Foto: N. Hertgen

"Es war ein Jahr lang der reinste Horror", sagt seine Mutter, Marina Glavas, heute über die nachfolgende Zeit. Vier Jahre lang war die Hückeswagenerin nach diesem schweren Schicksalsschlag arbeitsunfähig. Auch ihre Ehe überstand das traumatische Geschehen nicht. Während dieser Zeit nutzte die verwaiste Mutter jede mögliche psychologische Hilfe, um ins Leben zurückzufinden.

Eine große Stütze war ihr neben der Familie die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern Lindlar", in der auch Betroffene aus Hückeswagen, Radevormwald und Wermelskirchen Rat und Halt finden. Heute, fast 14 Jahre nach dem Tod von Andre, kann Marina Glavas wieder lachen, auch wenn die Trauer über den Verlust nie ein Ende haben wird und die Tränen immer wieder durchbrechen. "Es ist ein zweites Leben, in dem nichts mehr so ist wie vorher", sagt die Assistentin der Geschäftsführung der Wipperfürther Firma Voss. Auch wenn sie die Trauerarbeit in der Selbsthilfegruppe selbst nicht mehr benötigt, so geht sie dennoch einmal im Monat zu den Gruppentreffen, um anderen betroffenen Eltern die eigene Erfahrung weiterzugeben.

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Wie alt das Kind bei seinem Tod war, spielt keine Rolle. Die tiefe Trauer über den Tod des eigenen Kindes und eines solchen "unnatürlichen" Verlusts gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die Menschen in ihrem Leben machen können. Im Gespräch mit anderen Betroffenen lernen Eltern mit der Trauer zu leben. "Nur selbst Betroffene können einen in dieser Situation wirklich verstehen", stellt die 43-Jährige klar.

Das Prinzip der Treffen lautet: "Die Betroffenen helfen sich selbst." Die Gespräche bleiben im Raum und werden nicht nach außen getragen. Am zweiten Sonntag im Dezember, dem weltweiten Gedenktag für verstorbene Kinder, gestalten die Mitglieder einen bewegenden Gedenkgottesdienst in der Lindlarer Pfarrkirche. Für jedes verstorbene Kind wird eine Kerze angezündet, und es wird sein Name genannt. Im Sommer lassen die Eltern selbst gebastelte Schiffe zu Wasser oder Luftballons mit Botschaften für ihre verstorbenen Kinder steigen.

Freunde und Nachbarn wissen meistens nicht, wie sie sich gegenüber verwaisten Eltern verhalten sollen. Floskeln wie "Das Leben geht weiter" oder "Das wird schon wieder", hat Marina Glavas gehasst. "Lieber eine stille Umarmung als so ein Spruch", rät die Betroffene. Für sie selbst war nach Andres Tod das Fahren mit dem Fahrrad ihre Flucht vor Bekannten und deren Fragen.

Die vierwöchige "Verwaiste-Eltern-Reha" in der Nachsorgeklinik Tannheim in Villingen-Schwenningen hat die Hückeswagenerin damals einen großen Schritt in ihrer Trauerarbeit nach vorne gebracht. Heute ist es der 43-jährigen möglich, ganz offen über das Thema zu reden. "Ich bin jetzt dankbar über jede Kleinigkeit und weiß, dass nichts selbstverständlich ist auf dieser Welt", sagt Marina Glavas.

In ihrem Herzen lebt ihr einziges Kind weiter. Bilder des Dreijährigen zieren die Wohnung, das Grab ist liebevoll unter anderem mit Spielzeug geschmückt. Den bevorstehenden Abschied hat der kleine Junge geahnt, wie seine Mutter überzeugt ist. "Kurz vor der Operation hat er mich umarmt und gesagt: Ich möchte bei Euch bleiben", erzählt die Hückeswagenerin mit Tränen in den Augen.

Geblieben sind ihr die Erinnerungen und Erfahrungen, die sie in der Selbsthilfegruppe mit Leidensgefährten teilt und als großen Schatz mit sich trägt. Daher rät sie allen verwaisten Eltern, jegliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Ohne die Gruppe hätte ich es nicht geschafft", ist sie sich sicher.

(heka)