1. NRW
  2. Städte
  3. Hückeswagen

In Hückeswagens Partnerstadt Etaples nahm Spanische Grippe ihren Anfang

Städtepartnerschaft Hückeswagen – Etaples : Die Keimzelle der Spanischen Grippe

Mehr als 100 Jahre vor der Corona-Krise ging von Etaples eine andere Pandemie mit Millionen von Toten aus. Die Spanische Grippe hatte ihren Ursprung in den Base Camps der Engländer.

Der Name der Pandemie wird sicher zum Wort dieses Jahres erklärt werden, so sehr hat Corona die bekannte Lebensweise verändert. Und oft ist dabei an eine ihrer Vorläuferinnen, die Spanische Grippe, erinnert worden. Vor etwas mehr als 100 Jahren fielen dieser Seuche Menschen aus aller Welt zum Opfer. Was heute jedoch kaum noch jemand weiß: Ihren Ausgang hat diese Influenza-Epidemie von Nordfrankreich genommen, genauer gesagt: von Hückeswagens heutiger Partnerstadt Etaples-sur-Mer. Eine Vielzahl von Wissenschaftlern ist sich heute einig darin, dass sich die Seuche von dort aus über den ganzen Globus verteilte. Hatten sich doch während des Ersten Weltkriegs nahe Etaples über Jahre hinweg Tausende von Soldaten und Arbeitskräfte aufgehalten. Und zwar in einem der größten Militärlager auf dem europäischen Kontinent, gelegen an der Canche, auf einer Anhöhe in Sichtweite des Ärmelkanals, heute ein Ort für Eigenheime und beschauliche Vorgärten.

Die Geschicke der Menschen in Hückeswagens Partnerstadt sind zwischen 1914 und 1918 nachhaltig geprägt worden, obwohl sie nicht zwischen den Fronten des Ersten Weltkrieges lag. Die englische Armee hatte rings um den Fischerort auf Dünen und Heideflächen eine Zeltstadt eingerichtet, mit Lazaretten, Munitionslagern, Werkstätten und Trainingscamps. Von hier aus brachte man per Eisenbahn Menschen und Material nach Flandern oder an die Somme. Wer an den Fronten überlebte, kam zurück, wurde in Etaples ärztlich versorgt und auf neue Einsätze vorbereitet.

Im Base Camp der Engländer nahe Etaples waren während des Ersten Weltkriegs Tausende von Soldaten stationiert. Von hier aus verbreitete sich die Spanische Grippe. Foto: Collection Achille Caron

Als die Waffen im November 1918 endlich schwiegen, strömten Tausende nach Hause zurück. Männer und Frauen, Kombattanten und Hilfspersonal, zumeist nach Übersee – und viele mit einem tödlichen Virus im Leib. Als sie in den Häfen Australiens, Indiens, in Amerika oder in Fernost eintrafen, waren die meisten dieser Menschen sterbenskrank oder gar schon tot. Wo sie von Bord gingen, infizierten sie jene, die die Heimkehrer in die Arme schlossen. Die Seuche erreichte somit viele Länder der Welt als ein schreckliches Echo des großen Krieges.

Die Gründe für den Ausbruch der Spanischen Grippe haben Wissenschaftler inzwischen ausgemacht: Um Mannschaften und Personal in der französischen Etappe mit Frischfleisch zu versorgen, hatte man inmitten des Zelt- und Barackenlagers riesige Komplexe für die Haltung von Geflügel und Schweinen angelegt. Das sogenannte aviäre Grippevirus vom Typ A, das in den Gedärmen von Gänsen und Enten nistete, ging von deren Exkrementen auf Schweine als Wirtstiere über, und diese wiederum übertrugen es auf den Menschen. Die schlechten hygienischen Verhältnisse des Base Camps begünstigten seine Vermehrung. Und die jungen Soldaten, die hier hausten, waren ideale Empfänger – geschwächt durch schwere körperliche Arbeit, leidend unter Erkältungskrankheiten, die sie sich in feuchtkalten Schützengräben zuzogen, zermürbt vom Schlafentzug und allgegenwärtigen Schmutz.

Noch schwerer wog, dass sich in unterirdischen Lagern bei Etaples chemische Kampfstoffe wie Senfgas, Chlor und Phosgen befanden, die die menschlichen Atemwege zerstören sollten. Als diese Gase beim Training für Kampfeinsätze freigesetzt wurden, ließen sie Rückstände zurück. Nicht weniger kontaminiert war die Umwelt an der Front bei Attacken mit Giftgas. Das Influenzavirus befiel das Körpergewebe jener Menschen, deren Widerstandskraft in den Schützengräben bereits gelitten hatte. Und jene, die sich glücklich glaubten, noch einmal davongekommen zu sein, trugen als Totgeweihte die Seuche in alle Welt.