Heißer Draht: Immer weniger Ärzte in Hückeswagen

Heißer Draht : Immer weniger Ärzte in Hückeswagen

Im Sommer verlässt ein weiterer Arzt Hückeswagen, in der Schloss-Stadt praktizieren dann nur noch sieben Hausärzte. Mit diesem Problem steht die Schloss-Stadt zwar nicht alleine da, die Auswirkungen können aber gravierend sein.

Felicitas Lucky machte sich kürzlich große Sorgen um ihren Mann. Der 85-Jährige ist nämlich schwer lungenkrank, und ihr Hausarzt war im Urlaub. Der Hückeswagener brauchte aber medizinische Hilfe, und so fragte seine gleichaltrige Frau bei drei hiesigen Praxen nach, ob der jeweilige Arzt ihren Mann untersuchen könnte. "Bei allen wurde ich abgewiesen", erzählte Felicitas Lucky am "Heißen Draht" der BM.

Immerhin waren ihr die Adressen von Ärzten in Radevormwald und Wipperfürth mitgeteilt worden. "Aber wir haben kein Auto, und mein Mann kann auch nicht mit dem Taxi fahren", erzählte die Hückeswagenerin. Sie seien deshalb auf die hiesigen Ärzte angewiesen. Felicitas Lucky hat daraus ihre Konsequenz gezogen: "Bekannten, die nach Hückeswagen ziehen wollten, habe ich abgeraten. Denn hier gibt's ja kaum noch Ärzte."

So ganz unrecht scheint sie damit nicht zu haben. Haben doch seit 2009 fünf Ärzte in Hückeswagen ihre Praxen geschlossen - entweder, weil sie in den Ruhestand gegangen sind, oder weil sie sich in den Nachbarstädten niedergelassen haben. Der nächste Mediziner verlässt die Stadt im Sommer, wie Ärzte-Sprecher Helmut Beckert auf BM-Anfrage bestätigte. "Wir sind dann noch sieben Hausärzte", sagte Beckert.

Nicht nur die Zukunft betrachtet er mit Sorgen, sondern auch die Gegenwart. Denn der Ärzte-Sprecher spricht - im Gegensatz zur Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) - bereit jetzt von einer Unterdeckung: "Bei 15 500 Einwohnern kommen auf jeden Hückeswagener Arzt demnächst mehr als 2200 Patienten. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 250", rechnete Beckert vor. KVNO-Pressereferentin Karin Hamacher dagegen hält die Abdeckung für Hückeswagen und Wipperfürth - beide Städte sind zu einer Planungsregion zusammengefasst - für ausreichend (s. unten stehenden Artikel).

Neben der steigenden Anzahl an Patienten werden diese auch immer älter. Das bedeutet für die Ärzte ein großes Problem, steigen dadurch nämlich auch die Aufwendungen, die das erlaubte Budget der Mediziner schneller aufbrauchen. Mit Blick auf den Kollegen, der in wenigen Wochen seine Praxis schließt, haben die hiesigen Ärzte bei der Kassenärztlichen Vereinigung eine Erhöhung des Regelleistungsvolumens beantragt. "Wir gehen davon aus, dass dem auch stattgegeben wird", sagte Beckert. Doch so lange sie das Okay nicht bekommen werden, so lange kann es sein, dass sie die Patienten des ausscheidenden Kollegen erst einmal ablehnen müssen - weil eben für sie keine Budgetmittel mehr vorhanden sind.

Aber wie kann dem Ärztemangel auf dem Land begegnet werden? Zumal junge Ärzte sich lieber in den Großstädten niederlassen. Die momentan einzige Möglichkeit sieht Beckert in dem Zusammenschluss von Ärzten zu Gemeinschaftspraxen, wie er das schon vor geraumer Zeit mit Dr. Stephan Lode vollzogen hat. "Das könnte dann deutlich attraktiver werden für Teilzeitangebote", sagte er. So wäre das vor allem eine Möglichkeit, junge Ärztinnen "aufs Land" zu locken. Denn mittlerweile seien 60 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums Frauen. Beckert: "Die Zukunft der Medizin ist weiblich."

Er erhofft sich, dass durch die Gewinnung von Teilzeitkräften vielleicht die eine oder andere später mal eine Hückeswagener Praxis übernimmt. Im Oberbergischen Kreis gebe es bereits Beispiele, wo das inzwischen gut laufe.

Die Schuld für die Situation sieht der Ärzte-Sprecher auch in der fehlenden Weitsicht der Politiker. "Hier hat die Politik die Entwicklung komplett verpennt", meint Helmut Beckert.

(RP)
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