Hückeswagen: Immer hart an der Grenze

Hückeswagen : Immer hart an der Grenze

Von der Ortschaft Heide nach Hämmern geht's über eine Fußgängerbrücke. Hier, nahe der Wupper, wohnt Georg Hartmann. Der gebürtige Schlesier lebt seit mehr als 50 Jahren an der Hückeswagener-Wipperfürther Grenze.

Hämmern Weit hat es Georg Hartmann wirklich nicht, um in die Nachbarstadt zu gelangen. "Ich muss aus meinem Gartentor raus, wenige Meter bis zur Fußgängerbrücke über die Wupper, und dann bin ich auch schon in Wipperfürth", erzählt der Hückeswagener, und auf seinem Gesicht zeigt sich ein hintergründiges Lächeln. Der 80-Jährige ist sozusagen ein "Grenzgänger" zwischen zwei Welten. Seit dem 28. Juli 1957 lebt Hartmann unmittelbar an einer kommunalen Grenze, die mehr ist als nur ein imaginärer Strich auf der Landkarte. Die Grenze trennt Wipperfürther "Baulemänner" und Hückeswagener "Wittchessäcke". Ehemalige Hansestädter mit Münzprägerecht leben auf der einen, das freiheitsliebende Hückeswagener Grafenvolk auf der anderen Seite.

Von Bayern ins Bergische

Nach Bayern hatte es den gebürtigen Schlesier nach dem Zweiten Weltkrieg verschlagen. "Es gab wenig Arbeit in Bayern, und da habe ich mich bei der Bahn in Wuppertal beworben", erinnert sich der Pensionär. Die hatte ihn direkt genommen und ihm eine Stelle in der Bahnmeisterei Wipperfürth zugeteilt.

Hartmann zog in eine Werkswohnung in Heide ein, die eine ganz besondere Geschichte hat. "Es handelte sich bei dem Haus um die ehemalige Bahnhofswirtschaft der Haltestelle Hämmern", erläutert er. Bis 1956 hatte die Familie Metzler hier nahe der Wupper eine Bahnhofswirtschaft betrieben und dann an die Bahn verkauft.

Spuren aus der alten Zeit als Wirtschaft sind längst keine mehr zu finden, wohl aber lebt die Erinnerung an den Bahnbetrieb auf der Strecke zwischen Marienheide und Lennep weiter. "Hier sind die Schulkinder ein- und ausgestiegen; das war sehr schön", erzählt Maria Hartmann. Die geborene Biskup lernte ihren späteren Mann 1954 in Bayern kennen und zog zusammen mit ihm drei Jahre später ins Bergische.

Auch die Post für das Postamt in Hämmern, so berichtet der 80-Jährige, wurde am Bahnhof immer ein- und ausgeladen. Und dann erinnert sich der zehnfache Großvater und zweifache Urgroßvater an die Milchfahrer. "Die Bauern sind von Hämmern hier über die Brücke an den Bahnsteig gekommen und haben ihre Milch auf eine Rampe gestellt. Dann kam der Zug, die vollen Kannen wurden mitgenommen und die leeren Kannen abgesetzt."

Eine Zeit lang zweigleisig

Vor dem Zweiten Weltkrieg, berichtet Hartmann, sei die Strecke einmal zweigleisig gewesen. "Zwei Signale, zwei Weichen und ein Überholgleis muss es hier gegeben haben", weiß er aus Erzählungen.

Noch ist es ruhig an der still gelegten Bahnstrecke. Manchmal hört Hartmann nachts das Rauschen der nahen Wupper, wenn das Wasser um die eingehauenen Pfähle spült. Sauerstoff sollen die Fische so bekommen. Und dann zeigt er ein letztes Mal auf die Gleise. "Hier kommt bald ein Radweg hin, der bis nach Hückeswagen führt. Die Zeiten ändern sich." Und wieder lächelt er hintergründig.

(RP)
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