Hückeswagens Stadtkämmerin Isabel Bever erinnert sich an ihre Einschulung.

Mein erster Schultag : Zierliches Mädchen erobert die (Schul-)Welt

Isabel Bever, heute Stadtkämmerin, kam erst im Alter von sieben Jahren in die Schule. Rektor Lampen befand sie für zu zierlich.

Die Größte mit ihren 1,57 Metern ist Isabel Bever auch heute nicht. Was die 54-jährige Hückeswagenerin jedoch nicht daran hindert, als Stadtkämmerin einen städtischen Haushalt von mehr als 50 Millionen Euro zu verwalten. Vor 48 Jahren war das noch anders. Als Bernhard Lampen, Rektor der Katholischen Grundschule, das zierliche Mädchen vor sich sah, entschied er: „Das ist aber ein Kleines. Das muss jetzt noch nicht in die Schule.“ Zu schmal und klein wirkte das Mädchen, das 1971 eingeschult werden sollte. „Dabei hatte ich den Eignungstest nach meinen Erinnerungen ganz gut bewältigt“, sagt Isabel Bever.

Statt in die erste Klasse ging es für die kleine Hückeswagenerin von der Marktstraße für vier Wochen zur sogenannten Kinderkur nahe Bonn, die in den 70er Jahren noch gang und gäbe war. „Ich erschien körperlich noch nicht schulreif, aber in der Klinik kam auch kein Gramm an mich dran“, erzählt sie. Überhaupt waren diese vier Wochen eine schreckliche Zeit – getrennt von den Eltern, „die ich nicht sehen konnte und die am Wochenende immer um die Klinik gefahren sind in der Hoffnung, mich mal zu Gesicht zu bekommen“. Und die Erzieherinnen legten mit langen Fingern die Tabletten in den Mund des Kindes. „Ich sollte aufgepäppelt werden“, berichtet Isabel Bever über den Sinn der „Kur“. Doch gebracht hatte sie kaum etwas. „Die waren nicht wirklich nett zu mir“, sagt die 54-Jährige. Rückblickend betrachtet hätten sie manche Dinge aus dieser Zeit aber stark gemacht.

Farblich aufeinander abgestimmt waren Sandalen und Tornister des i-Dötzchens Isabel, das zur Einschulung ein Jahr später immer noch schmal und zierlich war. Foto: Bever

Als sie dann ein Jahr später als Siebenjährige in die erste Klasse kam, war Isabel Bever noch genauso dünn und zierlich. Den Spaß an der Schule konnte ihr das und die vorangegangene fehlgeschlagene Aufpäppel-Aktion allerdings nicht nehmen. „Ich habe mich auf den ersten Schultag gefreut, denn ich wollte nicht nur spielen. Ich habe alles wie ein Schwamm aufgesogen“, erzählt die Stadtkämmerin. „Der erste Schultag war toll, er war ein richtiger Familien-Feiertag.“ Ihre Eltern, beiden Brüder und der Hund hätten sie zur Schule begleitet. „Und als ich das erste Mal aus der Schule kam, waren Oma und Opa da, um mir zu gratulieren. Ich war total stolz!“ Den gelben Lederranzen hat ihre Mutter gekauft. „Den habe ihn tatsächlich noch“, sagt Isabel Bever. „Heute spielen meine Enkelkinder damit.“

Respekt hatte die zierliche Erstklässlerin vor Rektor Lampen – „ein Berg von einem Mann“, erinnert sich Isabel Bever noch an den Hünen von mehr als 1,90 Meter Größe. Der habe sie eingeschüchtert, weil er so groß und mächtig gewesen sei. „Er hat auch nie mit mir gesprochen, sondern nur mit meiner Mutter.“

Das alles hat sie letztlich nicht sonderlich beeindruckt. Isabel Bever wollte lernen, und das tat sie auch in ihrer Freizeit. „Ich habe ganz viel gelesen. Meine Mutter konnte nicht so viele Bücher heranschaffen, wie ich verschlungen habe.“ Kein Wunder, wohnte die Familie damals doch gegenüber der Stadtbibliothek, die von Carola Lepping betreut wurde. „Ich war da Dauergast und habe die Bücherei gefühlt rauf und runter gelesen“, sagt die 54-Jährige. Von Pipi Langstrumpf über Pferdebücher bis hin zu Karl May.

In der Schule habe ihr unheimlich Spaß gemacht, zu malen, aber auch Rechnen, Schreiben und natürlich Lesen gehörten zu ihren Lieblingsfächern. „Ich fand es auch, im Gegensatz zu den meisten anderen, schön, an der Tafel zu stehen und mit Kreide zu schreiben“, sagt sie. Es sei ein schönes Lernen an der Grundschule gewesen, auch wenn die Lehrer, „die auf uns losgelassen wurden“, sehr differenziert gewesen seien – die älteren waren noch durch den Krieg geprägt gewesen, die jüngeren hatten hingegen Schwung hineingebracht.

Gut erinnern kann sich Isabel Bever noch an ein Pausenritual, das viele ehemalige KGS-Schüler kennen dürften: In der Pause gab’s entweder Kakao oder Milch. „Es war das Beste, wenn man den Strohhalm durch den braunen Deckel für den Kakao oder den blauen für die Milch stoßen konnte“, erinnert sie sich lachend. Danach wurde auf dem Pausenhof Gummitwist oder Seilchenspringen gespielt, auf der langen, steilen Treppe ins Gebäude war Stufenspringen angesagt. „Das Beste überhaupt aber war das Herumjagen.“

Die rosa Tüte mit einem Märchenmotiv zum ersten Schultag war gefüllt mit Süßem, einem Füller und ein paar Kleinigkeiten für den Schulalltag. Die Süßigkeiten waren schnell weg – „ich hab’ zwei Brüder“, nennt Isabel Bever schmunzelnd den Grund. Viel wichtiger aber sei das Gefühl gewesen, endlich was lernen und die anderen Kinder kennenlernen zu können. „Wenn ich zurückdenke, hat es mich nicht gestört, dass ich erst ein Jahr später eingeschult worden bin.“ Sicher ist sich Isabel Bever dennoch, dass sie das auch alles schon ein Jahr früher hingekriegt hätte.

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