Hückeswagener Orts- und Straßennamen: Das Nachzügler-Haus in Dürhagen

Hückeswagener Orts- und Straßennamen : Ein Fachwerkhaus zieht um

In der Hofschaft nahe der Wupper-Talsperre wird Dorfgemeinschaft gelebt. Ein Babyboom ließ die Einwohnerzahl rapide ansteigen.

Was in Großstädten beinah undenkbar ist und in Kleinstädten immer seltener wird, ist in Dürhagen selbstverständlich: Hier verstehen sich die Nachbarn prächtig. „Wir haben die beste Dorfgemeinschaft der Welt“, fasst es Anwohnerin Johanna Biemann-Rohde zusammen und erntet kopfnickende Zustimmung von ihren Nachbarn, den Geschwistern Reiner und Marion Hausmann und deren Schwägerin Annette Hausmann. Bei allen anstehenden Festen ist die Nachbarschaft, zu der die Dürhagener auch die Anwohner der benachbarten Hofschaften Steffenshagen, Voßhagen und Engelshagen zählen, integriert. „Hochzeiten werden hier schon mal mit 150 Personen gefeiert“, berichtet Reiner Hausmann. Dürhagen organisiert auch einen eigenen Martinszug. Obligatorisch sind zudem das gemeinsame Osterfeuer und das Treffen mit Feuerzangenbowle am ersten Weihnachtstag. Unvergessen sind die legendären Rutschpartys – im Sommer mit Wasserrutsche, im Winter mit Schlitten und Surfbrett –, das gewonnene Drachenbootrennen in Kräwinkel sowie die „Treckerolympiade“. „Gut, dass das Ordnungsamt davon nichts wusste“, sagt Reiner Hausmann und lacht.

 Nach den vielen Hochzeiten in den vergangenen Jahren ist die Einwohnerzahl der Dorfgemeinschaft nun „explosionsartig“ gestiegen und zeitgleich der Altersdurchschnitt rapide gesunken. Johanna Biemann-Rohde erklärt: „Sieben Kinder wurden geboren, eins ist noch unterwegs.“ Außerdem leben drei Zwillingspaare aus unterschiedlichen Generationen in Dürhagen. Die jüngsten sind Lars und Antonia, die 13 Monate alten Kinder von Carsten Rohde und seiner Frau Johanna.

Der Wiederaufbau des translozierten Fachwerkhauses in Dürhagen von 1987 bis 1990 glich einem Puzzlespiel. Foto: Heike Karsten

 Nur acht Häuser mit insgesamt 32 Einwohnern stehen in der Hofschaft nahe dem historischen Haus Hammerstein und der Stadtgrenze zu Remscheid. „Dürhagen hat sich kaum verändert, bis auf das neue Haus“, sagt Reiner Hausmann. Gemeint ist das denkmalgeschützte Fachwerkhaus, in dem die Familien Biemann-Rohde sowie Bröring-Windemuth wohnen. Das Gebäude war 1830 in Kräwinklerbrücke errichtet, vor 30 Jahren aber nach Dürhagen umgesetzt (transloziert) worden (s. Info-Kasten). „Mein Vater hatte das Haus bei einem Spaziergang entdeckt“, berichtet Johanna Biemann-Rohde. Für den Bau der Wupper-Talsperre hätte das ehemalige Gebäude der Fabrikantenfamilie Lausberg abgerissen werden müssen. Architekt Reinhard Biemann kaufte es für den symbolischen Preis von einer Mark und unter der Auflage, dass es sofort verschwindet.

„Der Abbau hat sieben Monate gedauert“, berichtet seine Tochter (32). Balken für Balken wurde nummeriert, demontiert und auf Bahnwagons geladen. „Es hat länger gedauert, bis ein passendes Grundstück für den Wiederaufbau gefunden wurde“, berichtet die Immobilienfachwirtin. Schließlich fanden das historische Fachwerkhaus wie auch die Scheune Ende der 1980er Jahre eine neue Heimat in Dürhagen. „Ich bin in diesem Haus aufgewachsen“, erzählt sie.

Das Fachwerkhaus war 1830 in Kräwinklerbrücke errichtet worden, hat heute aber die Adresse Dürhagen 8. Foto: Heike Karsten

 Der Umzug des Hauses war auch ein bedeutendes Ereignis für die bereits verstorbene Dürhagenerin Hilde Rast. Sie hatte eine Zeit lang in diesem Haus gewohnt, als es noch in Kräwinklerbrücke stand. „Ich hätte nie geglaubt, dass mir das Haus einmal hinterherzieht“, soll sie gesagt haben. Johanna Biemann-Rohde: „Hilde Rast hat daher beim Richtfest in Dürhagen die Rede gehalten.“

 Die Westseite des Fabrikantenhauses trägt seit dem Wiederaufbau die historischen Schiefer, die auch schon in Kräwinkel angebracht waren. Auf der Rückseite ist das Fachwerk noch zu erkennen. Im Herbst 2019 wurde das Gebäude auf der Süd- und Ostseite neu verschiefert. „Das mussten wir in Abstimmung mit dem Landschaftsverband Rheinland aus Wetterschutzgründen machen lassen“, erläutert Carsten Rohde. Der Hückeswagener Dachdecker-Fachbetrieb Riemer hatte sich dieser Herausforderung angenommen und das Haus nach historischem Vorbild und einer Zeichnung von Reinhard Biemann verkleidet. „Jede Schiefertafel musste von Hand behauen werden“, berichtet Carsten Rohde. „Für diesen Auftrag kamen die letzten Rathscheck-Schiefer von der Mosel zum Einsatz, bevor der Steinbruch geschlossen wurde“, berichtet Johanna Biemann-Rohde.

 Mehrere Dürhagener Paare haben die nahe Friedenskapelle in Voßhagen ausgewählt, um sich dort das Ja-Wort zu geben. So auch das Ehepaar Biemann-Rohde im August 2018. In Dürhagen gebe es eine bunte Mischung an Religionszugehörigkeiten. „Die ist aber nicht relevant für die Gemeinschaft“, betonen die Anwohner. „Dafür haben wir aber eine eigene Dorfkapelle. Welche Ortschaft kann das schon von sich behaupten?“, fügt Johanna Biemann-Rohde lachend hinzu.