Hückeswagener Johanna-Heymann-Kindergarten: "Drei Wochen ohne Spielzeug"

Hückeswagen / Awo-Kindergarten Wiehagen : In der Eulen-Gruppe hat das Spielzeug Urlaub

„Drei Wochen ohne Spielzeug“ lautet das Motto für eine der vier Gruppen im Johanna-Heymann-Familienzentrum der Awo in Wiehagen.

Auf den ersten Blick wirkt der Gruppenraum der „Eulen“ im Wiehagener Johanna-Heymann-Kindergarten ein wenig leer. Sämtliches Spielzeug wurde vor etwa zwei Wochen aus den Regalen geräumt. Es gibt weder Brettspiele, noch Puppen oder Autos. Wer aber jetzt denkt, dass Langeweile aufkommt, der irrt gewaltig. Das Projekt weckt vielmehr die Fantasie und Kreativität der Kinder. Denn jeden Tag gibt es etwas Neues zu entdecken.

„An den ersten beiden Tagen stand den Kindern nur Zeitungspapier zur Verfügung“, berichtet Erzieherin Britta Schneider. Es dauerte nicht lang, dann zauberten sie daraus Eis- und Bonbontüten und spielten Verkäufer. An den nächsten Tagen kamen Eierkartons und Papprollen hinzu. Ein Höhepunkt für die Jungen waren die großen Kartons, die sie in Polizei- und Feuerwehrautos verwandelten, oder die sie zu kunstvollen Häusern und Türmen stapelten.

Ziel des Projekts ist es unter anderem, die Kreativität der Kinder anzuregen. „Wir haben gemerkt, dass die Kinder oft unachtsam mit den Spielsachen umgingen und dabei kaum in Rollenspiele gekommen sind“, sagt Britta Schneider. Schon nach der ersten Woche habe sich das geändert. „Die Kinder sind wahnsinnig kreativ geworden, es wurden sogar neue Freundschaften geschlossen“, berichtet die Erzieherin über die Gruppe, die erst durch die Erweiterung des Johanna-Heymann-Kindergartens im Oktober 2018 entstanden ist.

Mittlerweile spielen Kinder der Gruppe zusammen, die sonst nichts miteinander anzufangen wussten. Josephine (5) und Emilia (4) zum Beispiel spielen Hund. Sie haben mit den Kissen und Tüchern, die zu Beginn der zweiten Projektwoche zum Spielen angeboten werden, eine Hundehöhle gebaut. Tische und Stühle werden dabei oft mit ins Spiel einbezogen. „Ich finde es toll – man kann viel rumtoben“, sagt Josephine über die spielzeugfreie Zeit. Nur der Einstieg ins Spiel ist für die Fünfjährige nicht immer leicht. „Man hat nicht immer direkt eine Idee“, gibt sie zu.

Das Team der Erzieher übernimmt hauptsächlich eine beobachtende Rolle oder wird selber mit ins Spiel einbezogen. Wie Patricia Kuczowicz, von der nur noch der Kopf aus einem großen Berg an Tüchern herausschaut, nachdem sie von den Kindern zugedeckt wurde. Weniger anstrengend ist das für die Fachkräfte nicht. „Die Geräuschkulisse ist einfach größer als sonst“, hat Britta Schneider festgestellt.

Die Materialien wurden von den Eltern, Großeltern und Verwandten vorab gesammelt und zur Verfügung gestellt. „Die Eltern unterstützen uns darin“, freut sich die Erzieherin. Viele hätten sich jedoch nicht vorstellen können, dass das Projekt funktioniert. Daher gibt von jedem Tag Bilder und später auch einen kurzen Film zu sehen, die zeigen, was die Kinder in diesen drei Wochen so alles erleben.

Welches Spielmaterial zur Verfügung steht, ist jedes Mal eine Überraschung. „Wir legen alles morgens auf einen Haufen und decken es mit einer Decke ab“, erläutert Britta Schneider. Erst nach dem gemeinsamen Frühstück dürfen die Kinder das Geheimnis lüften. „Wir haben noch Einiges im Repertoire“, kündigen die Erzieherinnen lachend an. So warten im Nebenraum Becher, Deckel und Wolle auf ihren Einsatz. Auch aus der Natur will die Eulen-Gruppe schöpfen.

Die Beobachtungen in den drei Wochen ohne Spielzeug geben den Erzieherinnen wertvolle Hinweise. „Wir erkennen besser, wo die Interessen der Kinder liegen, und können die Themen später noch einmal aufgreifen oder Spiele und Bücher dazu bereitstellen“, sagt Britta Schneider.

Mittags sei dann meistens der Punkt gekommen, wo etwas mehr Ruhe einkehrt und die Kinder im freien Spiel ihre Energie aufgebraucht haben – immerhin sind die Jüngsten erst zwei Jahre alt. Dann werden zum Beispiel Bücher angeschaut oder Geschichten erzählt. „Der Umgang mit den Büchern ist viel besser und sorgsamer geworden“, berichtet Britta Schneider von einer positiven Entwicklung. Da bisher noch kein Kind den Wunsch nach Spielzeug geäußert habe, kann sich die Eulen-Gruppe auch eine Verlängerung des Projekts vorstellen. Auf jeden Fall wird das Spielzeug danach erst mit und mit wieder in den Gruppenraum Einzug halten. Die Kinder dürfen dann mitbestimmen, was wieder rein soll und was nicht.