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Hückeswagen: „Wir wollen den Menschen eine Stimme geben“

100 Jahre Awo in Hückeswagen : Den Menschen eine Stimme geben

Beate Ruland ist Kreisvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, die im Jahr 1919 von Marie Juchacz gegründet wurde.

Frau Ruland, 100 Jahre Arbeiterwohlfahrt ist ein stolzes Jubiläum. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ruland In erster Linie sind wir sehr stolz, dass die Awo mit 100 Jahren noch kein bisschen in die Jahre gekommen ist. Wir sind ein moderner Sozialverband, der den Anspruch erhebt, die Gesellschaft positiv mitzugestalten. Unsere Gründerin Marie Juchacz wäre sicher beeindruckt, was aus ihrer Awo geworden ist. Allein Rhein-Oberberg hat 2500 Mitglieder in seinen Ortsvereinen, von denen sich ein sehr großer Teil auch ehrenamtlich engagiert, und etwa 1000 Mitarbeitende.

Wie wurden die Feierlichkeiten im Kreisverband begangen?

Ruland Wir haben mehr als 60 Feste in unseren Einrichtungen und Ortsvereinen gefeiert. Jede Einrichtung, ob Kita oder Seniorenzentrum, hat ihre „eigene“ 100-Jahre-Feierlichkeit konzipiert und ausgerichtet. Von der Ausstellung bis zum Kostümfest war alles dabei. Zusätzlich gab es zwei Hauptveranstaltungen, die zentral organisiert wurden.

Was war der Auslöser zur Gründung des Kreisverbands und seit wann gibt es ihn?

Ruland Die Awo Rhein-Oberberg ist ein Zusammenschluss der Awo Oberberg. Dieser ist 2010 erfolgt. Der Kreisverband Oberberg und der Kreisverband Rhein-Berg bestanden vorher seit 1946. Leider existieren keine Dokumente mehr, die diese Gründungen dokumentieren. Aber aus Zeitungsmeldungen und sonstigen Unterlagen, wie Protokollen, lässt sich darauf schließen. Der Zusammenschluss der Kreisverbände fand statt, um einen größeren und starken bergischen Kreisverband zu gründen.

Was sind die Ziele Ihrer Arbeit?

Ruland In der Awo haben sich Frauen und Männer als Mitglieder und als ehren- und hauptamtlich Tätige zusammengefunden, um in unserer Gesellschaft bei der Bewältigung sozialer Probleme und Aufgaben mitzuwirken. Soziale Gerechtigkeit und Solidarität sind Kernpunkte unseres Handelns und Selbstverständnisses. Wir wollen den Menschen eine Stimme geben, die ansonsten nicht gehört werden. Wir wollen ihr Anwalt sein. Wir bieten durch unsere Arbeit „Hilfe zu Selbsthilfe“, etwa in unseren Beratungseinrichtungen – Menschen sollen Hilfe erhalten, dort wo sie stehen.

An wen richtet sich die Arbeiterwohlfahrt?

Ruland Die Awo ist für alle Menschen da. Jüngere Mitglieder bis 30 Jahre können sich auch im Jugendwerk engagieren. Das Besondere ist, dass sie Angebote für alle Altersklassen hat, aber auch, dass jedes Mitglied „seinen“ Verband mitgestalten kann. Wir sind neuen Ideen gegenüber offen.

Was unterscheidet die Awo von anderen sozialen Trägern?

Ruland Die Awo hat ein Leitbild und Leitwerte, die unsere Arbeit prägen: Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Danach richten wir unser Handeln und unsere Arbeit aus. Und natürlich unterscheiden wir uns auch dadurch, dass wir nicht konfessionell gebunden sind.

Wie stark ist sie im Oberbergischen vertreten?

Ruland Die Awo ist ein großer sozialer Träger im Oberbergischen und Rheinisch-Bergischen Kreis. Wir betreiben 44 Kitas und Familienzentren, zwei Seniorenzentren, eine Sozialstation im Rheinisch-Bergischen Kreis, mehrere Jugendzentren, zwei Schuldnerberatungen sowie Schwangerschaftskonfliktberatung und weitere Beratungsangebote.

Welche Angebote gibt es in Hückeswagen?

Ruland Die Awo betreibt in Hückeswagen zwei Familienzentren, an der Blumenstraße und an der Montanusstraße. Der Ortsverein mit seinem Vorsitzenden Bernd Block übernimmt die Mitgliederbetreuung am Ort. Darüber hinaus ist „Der Sommerberg“, eine Gesellschaft des Bezirksverbands Mittelrhein, mit einem Wohnprojekt für Menschen mit Behinderung in Hückeswagen angesiedelt.

Warum ist die freie Wohlfahrtspflege unabdingbar für einen funktionierenden Sozialstaat?

Ruland Wir sehen unsere Aufgabe darin, allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Als Wohlfahrtsverband unterstützen wir den Sozialstaat, indem wir über professionelle und innovative Arbeit in unseren Einrichtungen die Entwicklungen im sozialen Bereich positiv vorantreiben. Als politisch agierender Verband, und auch zusammen mit den anderen Wohlfahrtsverbänden, mischen wir uns in politische Debatten ein. Wir sind das Sprachrohr vieler Menschen, die sonst nicht genug Gehör finden – und wir setzen uns für sie ein, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung.

Wie wichtig ist das eigene Profil?

Ruland Die Awo beschäftigt sich damit, zeitgemäß zu bleiben. Das ist unsere Stärke. Zum 100. Geburtstag wurde das neue Grundsatzprogramm in Berlin verabschiedet. Der Verband bekennt sich dazu, jede Form von Feindlichkeit, Diskriminierung, Extremismus und Rassismus gegen Menschen und soziale Gruppen zu bekämpfen. Wir kämpfen gegen soziale Ungleichheit und für mehr Gerechtigkeit. Viele Menschen fühlen sich abgehängt: weil sie ein geringes Einkommen oder eine kleine Rente haben, weil sie nicht die gleichen Bildungschancen erhalten wie andere, weil ihnen Integration schwer gemacht wird, weil Frauen und Männer in vielen Bereichen noch nicht gleichberechtigt behandelt werden. Diese Themen bilden die Basis des Handelns. Ihnen fühlen wir uns verpflichtet.