Hückeswagener Einzelhandel Steuersenkung bereitet dem Handel Probleme

Hückeswagen · Seit dem 1. Juli gilt die auf sechs Monate befristete Mehrwertsteuersenkung im Zuge des Corona-Konjunkturpakets. Unsere Redaktion hat sich in der Stadt umgesehen, wie die Händler damit umgehen.

  Für die neuen Schuhe von Christine Schmidt (l.) schreibt Heike Albus eine Quittung. Die Kasse konnte nicht auf die Steuersenkung umprogrammiert werden.

Für die neuen Schuhe von Christine Schmidt (l.) schreibt Heike Albus eine Quittung. Die Kasse konnte nicht auf die Steuersenkung umprogrammiert werden.

Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Die Bundesregierung senkt die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr. Statt 19 Prozent werden bis Silvester nur 16 Prozent fällig, bei Waren mit reduziertem Steuersatz wie Lebensmittel, Zeitschriften oder Blumen werden in dieser Zeit statt sieben nur fünf Prozent Mehrwertsteuer erhoben. Die Hückeswagener Händler gehen mit der Senkung unterschiedlich um. Ob sich der Aufwand für die vorübergehende Umstellung jedoch lohnt und die Kaufkraft dadurch tatsächlich angekurbelt wird, bleibt abzuwarten. Unsere Redaktion hat sich in der Stadt umgesehen und nachgefragt.

Schuhe Im Schuhhaus Albus wird bei Rabattaktionen noch im Kopf gerechnet. Denn die fast schon historische Kasse aus den 1950er Jahren hat keine Prozenttaste und kann erst recht nicht auf die Senkung der Mehrwertsteuer umprogrammiert werden. Dafür hängt jetzt ein Spickzettel an der Kasse, die die gängigen Preislagen abzüglich der drei Prozent ausweisen. Denn das ist der Betrag, den das Schuhhaus Albus direkt an seine Kunden weitergibt. „Zur Not liegt auch ein Taschenrechner bereit“, fügt Geschäftsführerin Heike Albus hinzu.

Schmuck Auch im Schmuck- und Brillengeschäft von Bernd Lammert erhalten die Kunden den Rabatt. An einem Sonntag hatte Lammert seine Kasse entsprechend umprogrammiert. Der Nachteil der krummen Summen zeigte sich schon nach wenigen Tagen: „Wir benötigen Unmengen an Kleingeld als Wechselgeld, das wir an der Sparkasse in Form von Rollen teuer erkaufen müssen“, sagt Lammert.

Spiel- und Lederwaren Rechnerisch liegt die Ersparnis nur bei 2,52 bzw. bei 1,9 Prozentpunkte für den ermäßigten Steuersatz, weil die Mehrwertsteuer im Endkundenpreis schon enthalten ist. „Die 0,48 Prozent legen wir aus unserer Tasche obendrauf“, versichert Spiel- und Lederwarenhändler Uwe Heinhaus. Er musste mit seinen beiden Kassen bis nach Hagen fahren, um sie fachmännisch umstellen zu lassen. Den Nutzen des Aufwands bezeichnet er als zweifelhaft: „Durch die Maskenpflicht ist das Kaufverhalten nach wie vor gedämpft – die Kunden kommen überwiegend für gezielte Käufe in den Laden.“

Blumen Im Blumenladen von Heinz Gerd Koch setzt man auf eine Mischkalkulation. „Die Blumen werden mit sieben Prozent, die Schalen und Deko-Artikel mit 19 Prozent besteuert“, erklärt der Florist. Wer sich nun eine Schale bepflanzen lässt, bekommt entweder drei oder zwei Prozentpunkte Nachlass, je nachdem, ob der Wert der Schale oder der Blumen höher ist. „Das wird dann auch bei den Adventsgestecken mit Kerzen so sein“, kündigt Koch schon jetzt an.

Mode Eine Pflicht, die Mehrwertsteuersenkung 1:1 an die Endverbraucher weiterzugeben, besteht für die Händler nicht. Dirk Sessinghaus vom gleichnamigen Modegeschäft muss die 16 Prozent Mehrwertsteuer zwar auf dem Kassenbon ausweisen, bezahlt wird aber der normale Preis der ausgezeichneten Waren. Dafür bietet er den Kunden mehrere Rabattaktionen im zweiten Halbjahr an, bei denen sich wesentlich mehr als die drei Prozentpunkte sparen lässt. „Der Modehandel hat sehr gelitten. Außerdem versuchen wir, unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zu holen“, begründet der Geschäftsinhaber seine Entscheidung.

Wein und Spezialitäten In Rita’s Weinlädchen musste keine Kasse umprogrammiert werden. „Wir arbeiten sowieso mit Quittungsblöcken“, berichtet Inhaberin Rita Schuldner-Lapp. Die Prozente werden manuell mit dem Taschenrechner abgerechnet, wodurch sich auch hier sparen lässt.

Deko und Livestyle „Stilmix“-Inhaber Karsten Schlickowey hält die Abschlagskalkulation für Augenwischerei. „Unsere Artikel liegen nicht im hochpreisigen Bereich, wo sich das lohnen würde“, sagt der Geschäftsmann. Zudem müsse er den Abschlag im Januar wieder aufschlagen. Daher bleiben die Preise – vor allem auch die Unverbindlichen Preisempfehlungen (UVP) der Lieferanten – bei „Stilmix“ unverändert.

Möbel Einen spürbaren Mehrwert hätte die Steuersenkung beim Kauf von Möbeln. Bei Möbel Happel an der Industriestraße ist das der Fall. „Wir geben die Mehrwertsteuersenkung nach Leistungsdatum an die Kunden weiter“, versichert Mitarbeiterin Melina Stenzel. Das bedeutet, dass von einem im Mai gekauften Artikel bei einer Auslieferung nach dem 1. Juli noch nachträglich drei Prozentpunkte abgezogen werden. Ob dieses Prozedere aber zu einem vermehrten Kaufverhalten führt, ist ungewiss. „Bis jetzt hat die Mehrwertsteuersenkung keine große Auswirkungen auf das Geschäft“, hat Melina Stenzel festgestelt.

Zeitungen und Schreibwaren Dass es den Kunden nicht auf jeden Cent ankommt, bemerkt Schreibwarenhändlerin Christiane Cannoletta, die die Prozente direkt an der Kasse von den Artikeln abzieht. Das ergibt mitunter krumme Beträge. „Der Cent ist wieder gefragt“, sagt die Händlerin. „Die Kunden runden den Betrag aber oft von sich aus auf.“

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