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Hückeswagen steht unter Wasser, Einsatzkräfte kämpfen an vielen Stellen

Starkregen-Katastrophe in Hückeswagen : Hückeswagen steht unter Wasser

Der Starkregen am Mittwochvormittag war schon heftig, aber dann doch vergleichsweise milde gegen das, was ab dem Nachmittag über die Schloss-Stadt hereinbrach. Am Abend mussten sogar die Anwohner unter anderem von Hartkopsbever und der Peterstraße evakuiert werden, weil der Damm des Beverteichs zu brechen drohte.

Die gute Nachricht: „Es sind keine Menschen zu Schaden gekommen“, berichtet Bürgermeister Dietmar Persian am Donnerstagmorgen. Dennoch spricht er von einer „großen Katastrophe“. Und belegt das dann gleich: „Die Firma Klingelnberg steht in weiten Teilen unter Wasser.“ Gleiches gelte auch für GKN Sinter Metalls und weitere Firmen in dem Bereich sowie für das Fitness-Studio Injoy. „Das geht schon an die Substanz“, betont der Bürgermeister. Herzergreifend ist auch das Schicksal der Schwäne, Gänse und Enten von der Vorsperre, deren Gefieder ölverschmiert ist, seitdem auf der Wasseroberfläche ein Ölfilm schwimmt.

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Die Wassermassen sind rekordverdächtig  Von Mittwochmorgen bis Donnerstagmorgen wurden an der Bever-Talsperre 140 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen. „Das ist etwa ein Zehntel der Menge von 1291 Litern, die sonst im gesamten Jahr fällt“, teilt Susanne Fischer, Sprecherin des Wupperverbands, mit. Im Juli fallen im Durchschnitt an der Bever 113 Liter.

 Auf der Alten Ladestraße wurde jede Menge Treibgut angespült, darunter neun 1000-Liter-Tanks für Schleiföl, Werkzeugboxen und ein Stuhl. Mitarbeiter des Bauhofs räumten die Straße am Donnerstagmorgen frei.
Auf der Alten Ladestraße wurde jede Menge Treibgut angespült, darunter neun 1000-Liter-Tanks für Schleiföl, Werkzeugboxen und ein Stuhl. Mitarbeiter des Bauhofs räumten die Straße am Donnerstagmorgen frei. Foto: Stephan Büllesbach

Die Situation am Mittwochabend und in der Nacht Die lang anhaltenden Regenfälle am Mittwoch haben auch in Hückeswagen zu großflächigen Überschwemmungen und Hochwassergefahren geführt. „Viele Wohnhäuser und Betriebe sind voll Wasser gelaufen“, berichtet Persian. Neben diesen individuellen Schäden gehe eine besondere Gefahr vom Damm des Beverteichs unterhalb der Talsperre aus. Deren Damm sei standsicher, aber die großen Wassermengen hätten zum kontrollierten Überlaufen der Talsperre über den vorhandenen Überlauf geführt. Das wiederum erhöht den Druck auf den Damm des darunter liegenden Teichs bei Hartkopsbever. Zunächst war das Wasser über den Grundablass abgelassen worden, später floss es über den Überlauf – und damit in riesigen Mengen in den Beverteich. „Wir haben die Sorge, dass dessen Damm die Wassermassen nicht aushält“, berichtet Persian. Sollte er brechen, müsse mit einer kleinen Flutwelle gerechnet werden.

 Auf der Wasseroberfläche der Wupper-Vorsperre hat sich ein Ölfilm gebildet. Die Ursache ist derzeit unbekannt.
Auf der Wasseroberfläche der Wupper-Vorsperre hat sich ein Ölfilm gebildet. Die Ursache ist derzeit unbekannt. Foto: Stephan Büllesbach
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Die Evakuierung Zur Sicherheit der Bewohner wurden daher vorsorglich noch in der Nacht die Wohnungen in tiefliegenden Straßen und Ortslagen evakuiert: Hartkopsbever, Kleineichenweg, Bevertalstraße, Peterstraße (Wupperseite), Mühlenweg, Färberweg, Walkerweg, Weberweg, Tuchmacherweg, Reinshagensbever, Pixberger Mühle, Schwarzer Weg, Brücke und Fuhr. „Die etwa 800 Bewohner aus diesem Bereich sind entweder bei Verwandten oder Freunden untergekommen oder wurden in einer provisorischen Unterkunft in der Mehrzweckhalle versorgt“, teilt der Bürgermeister mit. Dort kümmere sich eine Spezialeinheit des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) um die Evakuierten.

 Der Klingelnbeg-Parkplatz unter Wasser. Ein Fahrer konnte sein Auto (l.) offenbar nicht mehr rechtzeitig wegfahren.
Der Klingelnbeg-Parkplatz unter Wasser. Ein Fahrer konnte sein Auto (l.) offenbar nicht mehr rechtzeitig wegfahren. Foto: Stephan Büllesbach

Die Dammbruch-Gefahr ist noch nicht gebannt „Ein Bruch des Beverteichs könnte zudem Auswirkungen auf das Umspannwerk im Kleineichenweg haben und die sofortige Abschaltung des Stroms in Hückeswagen notwendig machen“, sagt Persian. Die BEW halte die Lage unter Beobachtung und werde notfalls kurzfristig eingreifen. Gegen 17 Uhr berichtet der Bürgermeister: „Der Damm des Beverteichs wird derzeit noch überflutet.“ Zwar sinke auch dessen Wasserspiegel, aber noch sehr langsam. Daher könne noch nicht garantiert werden, dass die Standsicherheit des Damms über Nacht gesichert sei. „Deshalb muss die Evakuierung der genannten Bereiche noch für eine weitere Nacht aufrecht erhalten werden“, betont Persian.

Der Wupperverband im Dauerstress Von massiven Überschwemmungsschäden im gesamten Verbandsgebiet berichtet Georg Wulf, Vorstand des Wupperverbands, am Nachmittag in einer digitalen Pressekonferenz. Auch das Klärwerk an der Schnabelsmühle sei in Mitleidenschaft gezogen worden. „Das war ein Starkregen, den wir in dieser extremen Form noch nicht erlebt haben“, betont Wolf. Mit Blick auf die Bever-Talsperre und den Beverteich sagt er, dass im Vorfeld Stauraum freigehalten worden sei, um die Regenmengen aufzunehmen. Aber das sei ein Extremereignis gewesen, für das keine vernünftige Vorhersage habe getroffen werden können. Den Damm des Beverteichs bezeichnet er als „diffiziles Bauwerk“ und versichert, dass der Wupperverband ein Auge darauf haben werde. „Wir hoffen, dass er dem Druck standhält“, sagt der Vorstand.

Die Sperrungen Durch den gestiegenen Wupperpegel ist die Alte Ladestraße, die mit einer schmierigen Schicht überzogen ist, auch weiterhin komplett gesperrt. Auch im Bereich der Peterstraße gab es Sperrungen. Diese war am Abend an der Einmündung Alte Ladestraße abgesperrt worden, und auch die Zufahrt zur Bahnhofstraße ist von beiden Seiten nicht möglich. Aber am Nachmittag wird die Peterstraße für den Verkehr wieder freigegeben werden kann. So ist eine Durchfahrt durch Hückeswagen – über die Bahnhofstraße – wieder möglichmöglich. Ebenfalls abgesperrt worden war in der Nacht auf Donnerstag die B 237 in Westenbrücke an der Einmündung der K 5, damit der Verkehr erst gar nicht in die Stadt rollte. Der Bürgermeister bittet die Autofahrer auch weiterhin, Hückeswagen weiträumig zu umfahren – über die Kreisstraße 5, Landstraße 68 bei Westhofen und die Bundesstraße 237 bei Kammerforsterhöhe. Immerhin soll am späten Nachmittag die Zufahrt zu den höher gelegenen Straßen im Bereich Kleineichen – Untere Straße, Jung-Stilling-Straße, Waldstraße – wieder freigegeben werden.

 

Die Feuerwehr im Dauereinsatz Für die Feuerwehr ging es bereits am Mittwochmorgen, 7.12 Uhr, mit dem ersten Alarm los (die BM berichtete). Ab dem Nachmittag und bis in die Nacht hinein waren die Einsatzkräfte in vielen Teilen des Stadtgebiets ununterbrochen unterwegs, um etwa vollgelaufene Keller leer zu pumpen. Dabei erhielten sie auch Hilfe von anderen Feuerwehren, wie etwa aus dem Kreis Altenkirchen.

Postzustellung fällt ins Wasser „Aufgrund der aktuellen Situation fällt die Brief- und Paketzustellung der Deutschen Post in Hückeswagen in großen Teilen heute aus“, teilt Britta Töllner von der Pressestelle der Deutschen Post am Donnerstagmorgen mit. Der Standort des Zustellstützpunktes und der Pakethalle an der Peterstraße sei aufgrund der Straßensperrung nicht anfahrbar, so dass keine Sendungen dorthin gebracht werden konnten.

Produktionsausfall bei Klingelnberg Der langanhaltende Starkregen hatte auch Auswirkungen auf Hückeswagens größtes Unternehmen, die Firma Klingelnberg: Weite Teile des Firmengeländes wurden am späten Mittwochabend überflutet, teilt die Konzernzentrale in Zürich mit. Das Werksgelände sei gesperrt. „Nach jetzigem Stand ist von relevanten Schäden an Gebäuden, Einrichtung, Maschinen und Produktionsmitteln auszugehen“, teilt die Pressestelle mit. In den nächsten Tagen soll dann die Schadensermittlung angegangen werden. „Eine detaillierte Angabe der Schadenshöhe ist derzeit noch nicht möglich.“ Aktuell rechnet das Unternehmen mit Belastungen, die für das laufende Geschäftsjahr ergebnis- und umsatzrelevant werden könnten. In Hückeswagen beschäftigt die Klingelnberg-Gruppe an zwei Standorten etwa 750 Mitarbeiter, davon etwa 650 an der Peterstraße und damit am betroffenen Standort. Die übrigen arbeiten im Gewerbegebiet Winterhagen-Scheideweg.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Tag nach dem Starkregen in Hückeswagen