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Hückeswagen: Stadtverordneten-Versammlung verwaltet Not und Armut nach dem Ersten Weltkrieg

Rückblende in Hückeswagen : Stadtverordneten-Versammlung verwaltet Not und Armut nach dem Ersten Weltkrieg

Die Politiker mussten sich wenige Monate nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg vor allem mit negativen Entwicklungen auseinandersetzen und Lösungen finden.

Im Alltäglichen wird häufig das ganze Elend einer Generation sichtbar. Die Stadtverordneten-Versammlung vom 25. Juni 1919 ist hierfür eine Paradebeispiel: Sie ist zwar ohne Höhepunkte, trotzdem wird die ganze Dramatik der Folgen des Ersten Weltkriegs in Hückeswagen deutlich.

Doch bevor es an die Verwaltung des Elends geht, kommt man auch damals nicht ohne Formalien aus. Hubert Breidenbach und Kurt Wiehager werden als neue Beigeordnete des Stadtrats begrüßt und unterwiesen. Vor allem Wiehager ist zur damaligen Zeit kein Unbekannter. Er war 1919 bereits Schützenchef und darüber hinaus ein bekannter Tuchfabrikant. Der Schützenverein ehrte ihn später mit der Benennung des Schießstandes in „Kurt-Wiehager-Schießstand“.

Einen großen Raum in der damaligen Berichterstattung durch die Bergische Volkszeitung, einem Vorläufer der Bergischen Morgenpost, nimmt das Thema Preiserhöhungen ein. Noch war es den Stadtverordneten nicht bewusst, aber man befand sich bereits in der Hochlaufphase einer Inflation, die 1923 mit einer Hyperinflation endete und sämtliches Geld wertlos machte. Schon zum Zeitpunkt der Ratssitzung waren die Schulden des Staates größer als das Volkseinkommen. Und durch die Reparationsleistungen, die nach dem verlorenen Krieg zu zahlen waren, wurde die Inflation zusätzlich angeheizt. Konkret wird der Wasserpreis mehr als verdoppelt. Satte Aufschläge gibt es auch bei Strom, geliefert vom Bergischen Licht- und Kraftwerk, dessen Gesellschaft den Antrag auf Erhöhung mit der Teuerung bei der Kohle begründet.

Im Zuge der Bekanntgabe der Preiserhöhungen ist auch vom „Automatengas“ die Rede, für das nun 48 Pfennig zu zahlen sind. Tatsächlich bezogen viele Haushalte Gas aus dem Automaten. Sie warfen Münzen ein, und ein Münzgasmesser regulierte dann je nach Höhe der Zahlung den Gas-Zustrom in den Haushalt. Es gab weiterhin unterschiedliche Tarife für „Lichtstrom“ und „Kraftstrom“. Ersterer ist selbsterklärend, mit Kraftstrom bezeichnete man damals den Strom für gewerbliche und industrielle Verbraucher, die einen günstigeren Tarif bekamen.

Die Stadtverordneten beschäftigen sich in der Sitzung auch mit der Entlohnung der Notstandsarbeiter. Durch die Kohlennot – verursacht durch die Reparationsleistungen – standen viele energieintensive Fabriken still. Die Arbeiter wurden daher aufs Land geschickt, zum Beispiel nach Neuhückeswagen, wo sie Feldarbeit verrichteten.

Und noch etwas hält die Stadtverordneten auf Trab: Man hat Angst um die Sicherheit, wenn das in der Stadt stationierte Militär, das sich auf dem Nachhauseweg befindet, endgültig abziehen würde. Zwar wird die Einrichtung einer „Einwohnerwehr“ abgelehnt, allerdings werden mit den Herren Köser und von Schemm zwei neue Hilfspolizisten verpflichtet. Notfalls sollen ihnen weitere Hilfsmannschaften unterstellt werden.

Einer der wenigen erfreulichen Tagesordnungspunkte: Die Bürger können ab sofort die Städtische Badeanstalt am Morgenstern – ein abgetrennter Wupperlauf nahe Klingelnberg – an zwei Tagen in der Woche kostenfrei nutzen.