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Hückeswagen: Oft kein Platz frei im Frauenhaus für Frauen in Not

Hückeswagen - Thema Frauenhaus : Oft kein Platz frei für Frauen in Not

63 Frauenhäuser gibt’s im Land, eins im Oberbergischen. Aber oft ist kein Platz frei in den Zufluchtstätten. Die Not der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und ihrer Kinder war jetzt Thema im Sozialausschuss.

Momentaufnahme eines Tages in der vorigen Woche: Alle Ampeln stehen auf Rot. Es geht um die symbolischen Ampeln auf der Homepage der 63 Frauenhäuser in NRW. Sind sie auf Rot geschaltet, bedeutet das: kein Platz frei! Und das ist nicht nur an diesem einen beliebigen Tag im August so, sondern an vielen anderen Tagen im Jahr auch. Es sind die Tage, an denen es keine Zuflucht gibt für Frauen, die von ihren Männern bedroht, misshandelt und missbraucht werden und die keine Möglichkeit haben, zu Angehörigen oder Freunden zu flüchten, sich eine eigene Wohnung zu suchen oder wenigstens ein Hotelzimmer. Häusliche Gewalt gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Auf Aufnahme im Frauenhaus sind aber vor allem die Armen angewiesen, Frauen ohne Job und Geld und Asylbewerberinnen ohne helfende Herkunftsfamilie im Hintergrund. Sie haben als Opfer von Gewalt keine Alternativen auf der Flucht vor ihren gewalttätigen Männern.

Ist die Not in Zeiten der Pandemie gestiegen? Auch um diese Frage ging es jetzt im Sozialausschuss. Zu Gast war Nicole Schneider, Leiterin des Frauenhauses im Oberbergischen Kreis. Dessen Träger ist die Caritas Oberberg, finanziert wird es zu 80 Prozent vom Land, zu 20 Prozent vom Kreis, der sich das Geld über die Kreisumlage von den 13 kreisangehörigen Städten und Gemeinden zurückholt. Die Adresse des Hauses ist geheim – zum Schutz der dort lebenden Frauen und ihrer Kinder.

Die Pandemie habe das Frauenhaus vor ganz neue Probleme gestellt, sagte Nicole Schneider. Wegen der Infektionsgefahr sei die Aufnahme über Monate stark erschwert gewesen, „aber Männer hören nicht auf zu schlagen, weil gerade Corona durchs Land zieht“. Frauen hätten größere Probleme, sich überhaupt im Frauenhaus zu melden, wenn ihre Männer durch die Pandemie bedingt immer zu Hause seien und jeden Anruf überwachten. Mit den Lockerungen der Vorschriften zum Infektionsschutz seien deutlich mehr Anfragen gekommen. Ob es tatsächlich, wie viele befürchten, durch die Pandemie verstärkt zu häuslicher Gewalt komme, sei letztlich statistisch (noch) nicht belegt.

Im Frauenhaus Oberberg stehen den Frauen in Not acht kleine Appartments zur Verfügung, in denen sie selbst kochen. Insgesamt können gleichzeitig 15 Kinder mit im Haus leben. Im Regelfall bleiben sie etwa ein halbes Jahr. Nicole Schneider: „Wir arbeiten nicht therapeutisch mit den Frauen, aber wir versuchen, gemeinsam mit ihnen eine neue Lebensperspektive zu entwickeln.“ Das ist ein langwieriger Prozess, denn meistens haben die Frauen jedes Vertrauen in sich selbst verloren und kaum Kraft für einen Neuanfang. Schneider: „Wenn wir über Gewalt sprechen, dann sind Schläge und Tritte nicht alles. Es geht auch um massive psychische Gewalt.“ Die Frauen würden von ihren Männern systematisch klein- und von sozialen Kontakten ferngehalten, sie hätten überhaupt kein eigenes Geld zur Verfügung. „Es geht in der häuslichen Gewalt immer um Macht und Kontrolle. Und daraus entwickelt sich eine Gewaltspirale, in der es die Frauen kaum noch schaffen auszubrechen.“

Das Frauenhaus Oberberg ist nicht nur Zufluchtsstätte, sondern auch Beratungsstelle in Fragen zum Gewaltschutz und Anlaufstelle für Stalking-Opfer. Die Beratung ist kostenfrei für die Frauen. Melden müssen sie sich in jedem Fall von sich aus. Aber auf sich allein gestellt sind sie ohnehin in sehr vielen Fällen, bis sie dann in der Gewalt-Beratung angekommen sind. Laut Nicole Schneider liegt es daran, dass häusliche Gewalt immer noch mit vielen Mythen und Vorurteilen behaftet ist: „Viel zu viele im Umfeld, Familie, Freunde und Nachbarn, gucken einfach weg, weil sie das als Privatsache betrachten, die Partner eben unter sich ausmachen müssen.“