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Hückeswagen: Motorräder sorgen für "Horror"-Sonntag

Hückeswagen : Motorräder sorgen für „Horror“-Sonntag

Das schöne und warme Wetter verleitete am Wochenende viele Motorradfahrer aus ganz NRW zu einem Ausflug ins Bergische. Danach meldeten sich einige Hückeswagener am „Bürgermonitor“, die sich vom Lärm über viele Stunden entsetzt zeigten.

Das Handyvideo von Klaus Böcher ist nur etwas mehr als eine Minute lang. Der Anwohner von Stoote steht am Ortseingang von Dreibäumen und filmt die Szenerie auf der Landstraße101. Ergebnis: Auf dem leicht wackeligen Filmchen fahren neben etlichen Autos auch 19 Motorräder und drei Quads durchs Bild. Also alle drei Sekunden eins. Auch wenn das Video nur sehr kurz ist, zeigt es doch die Dimension des Biker-Aufkommens, verursacht durch den ersten schönen und vor allem warmen Sonntag in diesem Jahr. Böcher zählte zudem an diesem Tag zu unterschiedlichen Zeiten jeweils eine Viertelstunde die Motorräder auf der L 101, die bei Stoote vorbeifuhren: „Hochgerechnet kam ich auf 800 pro Stunde!“, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Der vergangene Sonntag dürfte zu den schlimmsten gehören, die Inge Rehling erlebt hat. Sie wohnt in einem der beiden Eversberg-Mehrfamilienhäusern an der Alten Ladestraße nahe des Bergischen Kreisels, und jetzt in der Corona-Krise kann sie mit ihrem Mann im Rollstuhl schlecht raus. Also bleibt sie auf dem Balkon. Doch dort sei es an diesem Tag nicht auszuhalten gewesen. „So einen Lärm habe ich noch nie erlebt“, erzählt die Hückeswagenerin am „Bürgermonitor“. Manche Motorradfahrer hätten auf der Alten Ladestraße von Kreisverkehr zu Kreisverkehr so richtig Gas gegeben. Dann bricht ihr die Stimme, und Inge Rehling weint, als sie sagt: „Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir unser schönes Haus auf dem Dierl nicht verkauft.“

Biker im Bergischen Kreisel nahe des Eversberg-Mehrfamilienhauses an der Alten Ladestraße. Foto: Stephan Büllesbach

Nachbarin Helga Odenthal berichtet ebenfalls von dem „besonderen“ Ausflugsverkehr vor ihrer Haustüre: „Das war grausam“, betont sie. Wobei sie noch Glück gehabt hätte, weil sie Parterre wohne und der Schall eher nach oben gehe. Zwar verfügt das Gebäude über Fenster mit Dreifachverglasung – „drinnen hören Sie dann fast nichts“. Aber bei so schönem Wetter will sie nunmal raus auf die Terrasse, nur war das am Sonntag mit lärmenden Begleiterscheinungen verbunden.

Ein „Horror“ war der Sonntag auch wieder für die Anwohner von Reinsbach, deren Siedlung zwischen der B 483 und der K 11 liegt. Über die Bundesstraße fahren die Biker nach Hückeswagen hinein, über die Kreisstraße zur Bever-Talsperre hinauf. Elvira und Ralf Lippmann wollten das schöne Wetter auf ihrer Terrasse genießen, konnten es aber nicht. Waren doch zu Spitzenzeiten bis zu 300 Motorräder pro Stunde alleine auf der K 11 unterwegs, schreiben sie in einer Mail. „Die Maßnahmen, die bis jetzt getroffen wurden, um diese enorme Lärmbelästigung einzudämmen, tangiert die Biker eher sekundär“. Das Schild „Tempo 70 an Sonn- und Feiertagen“, das nur für die Fahrer bergauf gilt, sowie das mit der Bitte um Rücksichtnahme seien Versuche ohne Wirkung. Das Ehepaar fordert daher Tempo 70 an allen Tagen und in beide Richtungen sowie eine Überprüfung sowohl der Geschwindigkeit als auch der Motorräder, die ihrer Ansicht nach mitunter illegal umgebaut sind.

Zu Wort meldet sich nach den Erfahrungen von Sonntag auch die Bürgerinitiative gegen den Motorradlärm, die sich vor einigen Jahren in Reinsbach gegründet hatte. In ihrer Stellungnahme heißt es unter anderem: „Der Sonntag war ein negativer Tag für die meisten Bewohner in Hückeswagen hinsichtlich der Lärmbelastung und der Raserei.“ Unzählige Kommentare in den sozialen Medien verdeutlichten dieses. Insbesondere an den Zufahrtsstraßen zur Bever, den Bundes- und Landstraßen sei es nicht mehr auszuhalten. „Es war der Horror!“ An einen erholsamen Aufenthalt im Freien am Haus sei nicht zu denken gewesen.

Zudem bringt die Bürgerinitiative die Corona-Krise zur Sprache: „Wie soll man verstehen, dass wir zu Hause bleiben sollen, aber durch nicht sozialfähige und ignorante Verkehrsteilnehmer im Sekundentakt massiv belästigt werden?“ Sie bewegten sich in großen Gruppen mit extremer Lautstärke, teilweise bewusst herbeigeführt, über die Straßen. „Es kann nicht sein, dass wir alle hierdurch den ganzen Tag in unserer Freiheit und Gesundheit auf unserem Grundstück belästigt oder gefährdet werden.“ Vorgaben würden einfach ignoriert, der Egoismus werde in den Vordergrund gestellt.

Viele Gespräche zwischen der Bürgerinitiative und vielen Behördenvertretern hätten bisher zu keinem vernünftigen Ergebnis geführt. Bemühungen seien zwar da, aber nicht zielführend und ergebnisorientiert. „Wir müssen hier endlich nachhaltig handeln“, fordert die Bürgerinitiative.

Klaus Böcher hatte die ersten Erfahrungen mit den zweirädrigen, motorisierten Ausflüglern am Sonntag bei seiner großen Wanderung von Stoote bis Wermelskirchen und zurück gemacht. Selbst in Tälern, weitab von den Landstraßen, sei der Lärm noch zu hören gewesen, erzählt der Hückeswagener. „Das hatte schon Nürburgring-Atmosphäre“, beschreibt er. Viele Anwohner der Ortschaften, durch die er spazieren gegangen war, seine genervt gewesen. Für die L 101 wünscht er sich „eine häufigere Geschwindigkeitsmessung am Wochenende, um das Fahrverhalten einiger Biker und Autofahrer positiv zu beeinflussen“. Aber auch eine Verkehrszählung über einen längeren Zeitraum an einem schönen Sonntag hält Böcher für sinnvoll, um exakte Zahlen über die Verkehrsbelastung zu bekommen.