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Hückeswagen: Lydia Wüster - starke Frau aus Funkenhausen

Mein Hückeswagen : Ein starke Frau aus Funkenhausen

Die Erbhofbäuerin Lydia Wüster hat zwölf Kinder großgezogen und war alleine für den Hof verantwortlich.

Der Bauernhof in Funkenhausen umfasste einmal 25 Hektar Land (was im späten 19. Jahrhundert 100 Morgen entsprach). Davon waren 80 Prozent Kulturland, auf denen Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Kartoffeln, Runkelrüben und Raps angebaut wurden. Ein Teil diente als Weide für zwei Pferde, 13 Kühe und fünf Jungrinder. Zum Hof gehörten ebenfalls fünf Hektar Wald und ein Obstgarten mit etwa 100 Obstbäumen. Von dem Kleinvieh nicht zur reden, das zu jedem Bauernhof gehörte. Also ein echt bergischer Bauernhof mit einer (für die damaligen Verhältnisse) Besonderheit: Er wurde von einer Frau bewirtschaftet.

Lydia Wüster musste sich dieser Aufgabe stellen, nachdem ihr Mann 1938 an Diabetes gestorben war. Doch damit nicht genug. Die Bäuerin hatte zu dieser Zeit auch zwölf Kinder, die es großzuziehen galt. „Eigentlich waren es 14 Kinder, aber zwei sind schon im Babyalter gestorben“, berichtet Ernst Wüster, der Enkel von Lydia Wüster. Eine schwere Aufgabe, die in heutiger Zeit kaum noch vorstellbar und dann auch nur unter ganz anderen Bedingungen möglich ist.

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Funkenhausen zählte damals zum Schulbezirk von Herweg, liegt jedoch etwas abseits der Bundesstraße 483. Lydia Wüster, geborene Elberzhagen, hatte im November 1904 auf den Hof eingeheiratet. Sie war im nahegelegenen Kleinhöhfeld geboren und auf einem kleinen bergischen Bauernhof aufgewachsen. Ihr Vater starb, als sie gerade einmal 16 Jahre alt war. Schon da musste sie als junge Frau kräftig mit anpacken.

Die Arbeit zog sich durch das gesamte Leben der Hückeswagenerin: Drei Jungen und neun Mädchen zog sie nach dem Tod ihres Ehemanns alleine groß. Die Kinder mussten zwangsläufig ebenso mit anpacken, um den Hofbetrieb in Funkenhausen fortzuführen. Mit Kriegsbeginn blieb sie mit ihren Töchtern allein auf dem Hof zurück, während die drei Söhne als Soldaten an die Front mussten. Zwei Hilfskräfte arbeiteten auf dem Hof mit, ein Nachbar packte ebenfalls mit an – aber das war auch schon alles an Hilfe für die alleinerziehende Mutter. Die harte Arbeit hatte sie geprägt. Lydia Wüster musste sich durchsetzen und sich Respekt verschaffen. „Wenn die Oma ins Zimmer kam, waren alle sofort still“, erinnert sich Ernst Wüster an die Dominanz seiner Großmutter.

 Das Porträtbild, gezeichnet von Willy Flües-Schulte, zeigt Lydia Wüster, die nach dem Tod ihres Mannes 1938 zwölf Kinder und den Hof durchbringen musste.
Das Porträtbild, gezeichnet von Willy Flües-Schulte, zeigt Lydia Wüster, die nach dem Tod ihres Mannes 1938 zwölf Kinder und den Hof durchbringen musste. Foto: Familie Wüster

 Im Herbst 1942 überbrachten der damalige Ortsgruppenleiter und der Ortsbauernführer der Bäuerin das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter, vom Volksmund als „Kaninchenorden“ verspottet. Es diente als sichtbares Zeichen, sich in der „Geburtenschlacht“ als „würdige Mutter“ bewährt zu haben, wie es im NS-Jargon hieß.

Abgesehen von dieser zweifelhaften Ehrung hatte Lydia Wüster wortwörtlich „ihren Mann gestanden“ und den Hof für ihre Nachfahren erhalten. Er liegt idyllisch zwischen Wiesen und Wäldern gelegen. Heute lebt und arbeitet dort Ernst Wüster mit seiner Familie. Er betreibt nebenberuflich eine Mutterkuhhaltung zur Kalbfleisch-Erzeugung. Auf der großen Weide in Funkenhausen veranstaltet der CVJM Herweg jährlich ein großes Osterfeuer, und in der Scheune finden regelmäßig Rockkonzerte und Biker-Gottesdienste statt. Aus dem ehemaligen Stall entstehen demnächst zwei moderne Eigenheime.

Das ländliche Leben und das Vermächtnis von Lydia Wüster ist bis heute erhalten geblieben.