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Hückeswagen: Klarsichtscheiben sind der Renner

Blickpunkt Wirtschaft : Schutz vor dem Virus statt Werbung

Die Firma Klartext Jahn Werbetechnik hat sich auf die Corona-Situation eingestellt. Gefertigt werden Acrylglasscheiben und Abstandsaufkleber.

Viele Unternehmen sind wirtschaftlich gesehen Opfer des Coronavirus geworden: Geschäfte müssen schließen, Kurzarbeit wird angemeldet. Die Grundversorger wie Supermärkte, Apotheken, Arztpraxen und Büros mit Publikumsverkehr versuchen nun, ihre Mitarbeiter und Kunden bestmöglich vor einer Infektion mit dem Virus zu schützen. Den besten Schutz bietet der Abstand der Menschen zueinander. Daher sind Abstandshalter und Sprechschutzwände derzeit sehr begehrt. Die Hückeswagener Firma Klartext Werbetechnik Jahn hat sich auf die erhöhte Nachfrage nach diesen Produkten eingestellt.

„Wir haben kurzfristig umgeschwenkt“, sagt Firmengründer Agamar Jahn. Fußbodenaufkleber für Baumärkte fertigt das Werbeunternehmen schon immer. „Jetzt stehen nur anstatt ‚Sonderpreis‘ die Wörter ‚Abstand halten‘ auf den Aufklebern“, fügt der Firmenchef hinzu. Die Warnhinweise gibt es in Form von Bodenaufklebern, Klebebandstreifen und Plakaten. In Köln kleben schon etliche Aufkleber aus der Hückeswagener Produktion in Tankstellen, Gastronomiebetrieben
und sozialen Einrichtungen. Die Plakate sind in Form von Gehwegaufstellern auch vor einigen Bäckerfilialen in der Schloss-Stadt zu finden.

Solche Gehwegaufsteller gibt es auch in der Schloss-Stadt. Foto: Klartext Jahn Werbetechnik

Ebenso groß ist die Nachfrage nach Klarsichtscheiben, die ein Spritzschutz beim Sprechen, Husten oder Niesen bieten. „Plexi-, Acryl- und anderes klarsichtiges Material wird derzeit vom Markt weggekauft wie Toilettenpapier“, berichtet Agamar Jahn. Während die Baumärkte schon leergekauft sind, ist die Firma Klartext derzeit noch lieferfähig. „Aber die Lage spitzt sich zu“, fügt der Betriebswirt hinzu. Klartext misst die benötigten Scheiben aus und schneidet sie entsprechend zu – auch in Sonderformaten. „In die Klarsichtwände wird ein Ausschnitt gefräst, wie bei den Banken“, erklärt Jahn. Mit Aluminiumwinkeln, Klebeband und Aufstellern werden sie anschließend bei den Kunden montiert.

Die Warnhinweise gibt es auch in Form von Bodenaufklebern. Foto: Klartext Jahn Werbetechnik

Die Flexibilität in der Produktion bewahrte die Firma bisher vor Kurzarbeit und Kündigungen. „Wir versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten und aktiv zu bleiben, anstatt dem Staat auf der Tasche zu liegen“, sagt der Firmenchef. Die Anfragen erreichen das Unternehmen aus ganz Deutschland. Es wurden bereits zahlreiche Baumärkte, Läden wie Tabak- und Zeitungsgeschäfte, aber auch Arztpraxen und ein großes Dialysezentrum in Leverkusen mit Infektionsschutzwänden und Aufklebern ausgestattet. Zwischendurch arbeiten die Mitarbeiter ältere Aufträge wie Lkw-Planen und Werbebeschriftungen ab.

Agamar Jahn ist Geschäftsführer bei „Klartext“. Foto: Klartext Jahn

Das Werbetechnik-Unternehmen ist in der glücklichen Lage, auf Angebot und Nachfrage kurzfristig reagieren und mit ihren Produkten in der Krise anderen Menschen helfen zu können. Agamar Jahn gründete die Klartext Jahn Werbetechnik GmbH 1993, nachdem er von seinem Studium in Amerika zurückkam. „Angefangen habe ich in einer GBS-Wohnung auf dem Fürstenberg“, erinnert er sich und lacht. Nach einem Zwischenspiel in Wermelskirchen bezog die Firma das ehemalige THW-Gebäude an der Industriestraße. Sieben Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen – einige arbeiten derzeit im Homeoffice. Die Ausstattung wird in Kürze um eine CNC-Fräse erweitert, mit der Acrylplatten bis zu einer Größe von 3,10 x 1,50 Meter zugeschnitten werden können. Wie lange sich die Firma in der Corona-Krise aus eigener Kraft über Wasser halten kann, weiß auch Agamar Jahn nicht zu sagen. „Wir klauben uns die benötigten Materialien auf dem Markt zusammen, aber die Lage spitzt sich zu, und es bleibt spannend“, sagt er. Der Firmenchef hofft trotz aller Schwierigkeiten, die wirtschaftlich angespannte Lage aus eigener Kraft überstehen zu können.