Hückeswagen: Kanalbau betrifft auch die Partnerstadt

Städtepartnerschaft Etaples im Oktober : Kanalbau betrifft auch die Partnerstadt

Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU könnte auch für Etaples und die gesamte Region um Calais einen schweren wirtschaftlichen Rückschlag bedeuten. Deshalb wird der Bau des „Canal Seine-Nord-Europe“ als Investition in die Zukunft gefordert.

Die Nervosität im Norden Frankreichs wird immer größer, denn nur knapp ein halbes Jahr trennt Europa vom magischen 30. März 2019: An diesem Tag kann der Ausstieg Großbritanniens aus der EU vollzogene Tatsache sein. Da viele Arbeitsplätze vom Warenverkehr von der Insel und auf die Insel abhängen, würde der Brexit für die Menschen in der Region um Calais einen schweren wirtschaftlichen Rückschlag bedeuten.

Wie man einer künftigen Wirtschaftsmisere vorbeugen kann, zeigt ein Projekt, dessen Realisation im Industriegebiet entlang der belgischen Grenze zu Nordfrankreich seit Langem als Investition in die Zukunft gefordert wird: Es ist der Bau des „Canal Seine-Nord-Europe“. Man spricht von einem Jahrhundertbau, von einer Wasserstraße, die auch durch große Teile der Gebiete unweit von Etaples-sur-Mer, also Hückeswagens Partnerstadt, führen wird.

Der Plan eines Kanalbaus ist seit 2010 diskutiert, geprüft, aus ökologischen Gründen kritisiert und vor allem immer wieder aufgeschoben worden. Seit Mitte dieses Jahres ist seine Ausführung nun beschlossene Sache. An der Küste wie auch in der Region um Paris setzt man darauf, dass allein Bau und Unterhaltung der Wasserstraße zehntausende von Arbeitsplätzen schaffen werden, ganz abgesehen von neuen Industrieansiedlungen entlang seines Verlaufs. Zudem ist der Schifffahrtsweg trotz vieler anderer Bedenken eine ökologisch sinnvolle Alternative zur Straße.

Der Kanal wird den Atlantikhafen Le Havre mit dem Wirtschaftsraum um Paris und weiter mit dem Scheldegebiet südlich von Rotterdam verbinden. Er zweigt im Süden bei Compiègne von der Oise, dem rechten Nebenfluss der Seine, ab und soll nach 107 Kilometern nördlich in den Dünkirchen-Schelde-Kanal münden, nicht weit von Cambrai. Etaples liegt somit im wirtschaftlichen Einzugsgebiet des Bauwerks.

Unter Führung des Präsidenten der Region Nord und ehemaligen Arbeitsministers Xavier Bertrand hatten sich 2017 die Präsidenten der Departements Nord, Pas-de-Calais, Somme, Oise und Ile-de-France mit der Regierung an einen Tisch gesetzt. Insgesamt geht es um 4,5 Milliarden Euro für den Bau. Obwohl die EU bereit ist, das Kanalprojekt bis zu 40 Prozent mitzufinanzieren, scheute der Elysee-Palast im Zuge seiner restriktiven Ausgabenpolitik zunächst eine zu hohe Verschuldung. Die Region Nord, unterstützt von kommunalen Initiativen, beharrte auf dem Projekt, zumal längeres Abwarten die Vergabe von EU-Geldern hätte gefährden können.

Bei dem Treffen im vergangen Jahr zeigten die Departements-Chefs, wie es, das Motto von Macrons Aktionsbündnis „En Marche“ übernehmend, mit ihnen „vorangehen“ kann: Gemeinsam beschlossen sie, eine Anleihe in Höhe von 776 Millionen Euro aufzulegen, quasi als Anschubfinanzierung des Vorhabens. Das sollte der Regierung in Paris Zeit geben, die nötige Restfinanzierung zu organisieren. Man spricht von einem Anteil in Höhe einer Milliarde Euro. Als Gegenleistung wollen die beiden Regionen Nord und Ile-de-France Bau und Betrieb des Kanals eigenständig führen.

Sein energisches Vorpreschen verstand Regionalratspräsident Xavier Bertrand immer wieder mit markigen Drohungen wie Streiks, Besetzung der Autobahnen usw. zu garnieren und damit Druck auf die Regierung Macron auszuüben. Immerhin hatte sich Ministerpräsident Edouard Philippe schon frühzeitig auf die Seite der Kanalbauer gestellt und zugesagt, die nötigen Finanzmittel aufzutreiben. „Ich habe verstanden, wie berechtigt die Wünsche der Menschen in der Region sind“, wurde er zitiert.

Mit diesem Mammutprojekt im Herzen Europas sollten einige Befürchtungen angesichts der wirtschaftlichen Folgen eines möglichen britischen EU-Austritts nun etwas weniger schwer wiegen.

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