Hückeswagen: Immer mehr Medikamente sind nicht lieferbar

Große Engpässe in Apotheken : In Hückeswagen fehlen Medikamente

Es ist ein bundesweites Problem, das auch vor der Schloss-Stadt nicht Halt macht. Die Apotheken können den Kunden bestimmte Medikamente nicht oder nur verzögert liefern. Und das wird sich wohl so schnell auch nicht ändern.

Es ist eine Situation, die man sich nur ungern vorstellen mag: Man hat eine Erkrankung, vielleicht sogar eine chronische, und ist auf Medikamente angewiesen. Die wurden einem vom Haus- oder Facharzt auch verschrieben. Dann steht man mit dem Rezept in der Apotheke – und muss mit leeren Händen wieder gehen. Nicht etwa, weil das Medikament im Laufe des Vor- oder Nachmittags vom Großhändler geliefert werden muss und dann erst abgeholt werden kann. Sondern deswegen, weil auch der Großhändler keine Vorräte hat und er vom Hersteller nicht beliefert werden kann.

Was sich wie ein Problem weniger entwickelter Länder anhört, ist auch in der Schloss-Stadt ein gar nicht mal so seltenes Phänomen. Julia Backmann, Inhaberin der Falken-Apotheke in Wiehagen, kann davon ein Lied singen. „Uns fehlen knapp zehn Prozent der verschreibungspflichtigen Medikamente. Es kommt etwa 40 Mal am Tag vor, dass ein Kunde einen solchen Fehlartikel braucht“, sagt Julia Backmann. Betroffen sind beispielsweise Medikamente wie ein neuer Impfstoff gegen Gürtelrose oder jener gegen Gebärmutterhalskrebs. „Auch verschiedene Blutdruckmedikamente oder Augentropfen sind nicht lieferbar, bei gewissen Psychopharmaka haben wir ebenfalls teils massive Lieferschwierigkeiten“, sagt Julia Backmann. Ist es ein durchgängiges Problem?

Auch Hans-Leo Klein, Geschäftsführer der Montanusapotheke kennt das. „20 bis 30 Prozent der Kunden können ihre Medikamente gar nicht bekommen – oder wir müssen basteln“, sagt Klein. Basteln, das heißt, etwa Medikamente mit der halben Wirkstoffmenge, die verfügbar sind, mitzugeben. Der Kunde muss dann eben zwei statt einer Tablette einnehmen. „Es betrifft durchgehend alle Medikamentengruppen“, sagt Klein.

Die gleichen Probleme gibt es in der dritten Hückeswagener Apotheke, der Oberbergischen Apotheke. Mitarbeiterin Jennifer Schulz sagt: „Wir müssen uns immer nach den Rabattverträgen der Krankenkassen richten. Seit es die gibt, wird die Situation immer schlimmer“, sagt sie.

Was sind diese Rabattverträge? Krankenkassen schreiben die Wirkstoffe jedes Jahr neu aus, und nur die günstigsten Anbieter erhalten dann den Zuschlag. Die Folge ist ökonomisch logisch: Unternehmen, die den Zuschlag nicht bekommen, steigen oft aus der Produktion aus, da es sonst unwirtschaftlich wäre. So erklärt es die Apothekergenossenschaft NOWEDA in einem Faltblatt, das in den Apotheken ausliegt. „Die Krankenkassen haben so die Möglichkeit, die Preise zu drücken. Und die Industrie versucht, die Medikamente immer billiger zu produzieren – wandert daher in der Regel nach Asien ab“, sagt Klein. Es sei eine Auseinandersetzung zwischen Kassen und Herstellern wegen der Preise. Die letztlich auf dem Rücken der Kunden ausgetragen werde. Und ein Ende sei nicht abzusehen, ist sich Klein sicher: „Es wird eher schlimmer als besser“, sagt er.

Was können Patienten tun? Oft sind es Wartezeiten, die man zu überbrücken hat. „Daher wäre es sinnvoll, möglichst früh ein neues Rezept zu besorgen, so dass man nicht ohne das Medikament dasteht“, sagt Klein. NOWEDA rät außerdem dazu, die Probleme der Politik mitzuteilen. „Patienten sollten die Lieferpässe der jeweiligen Krankenkasse melden, aber auch die Politiker in den örtlichen Wahlkreisbüros darüber informieren“, heißt es in der Broschüre.

Und wie könnte eine Lösung aussehen? Es sei nicht so, dass das Thema dort noch nicht angekommen ist. Einige Ideen würden auch in die richtige Richtung weisen, sagt die Apothekengenossenschaft. So sollten etwa die Kassen dazu verpflichtet werden, bei Rabattausschreibungen mindestens drei Hersteller zu berücksichtigen. Auch die Idee, die Produktionen aus Asien zurück nach Europa zu verlagern, indem entsprechende Anreize geschaffen würden, sei positiv zu bewerten.

Dass die Situation fü die Hückeswagener aber unbefriedigend ist und voraussichtlich auch erst einmal bleiben wird, ist ebenfalls klar. „Das ist eine Sache, die uns schon sehr belastet. Denn nicht nur ist es für uns ein enormer Mehraufwand von etwa ein bis zwei Stunden pro Tag, irgendeine Lösung finden zu müssen. Aber auch für die Kunden ist es unangenehm, wenn sie immer wieder entweder ganz ohne ihre Medikamente dastehen oder aber eine irgendwie zusammengebastelte Lösung in Kauf nehmen müssen“, sagt Julia Backmann.