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Hückeswagen im Jahr 1969: Außergewöhnlicher Bretterfund in Pauluskirche

Hückeswagen vor 50 Jahren : Außergewöhnlicher Bretterfund in der Pauluskirche

Zu Beginn der Sanierung der Pauluskirche vor 50 Jahren wurden auf der Empore spezielle und jahrhundertealte „Sitzplatz-Reservierungen“ entdeckt.

Fast jeder Archäologe, Schatzsucher oder Historiker träumt davon, eines Tages einmal eine bedeutende Entdeckung zu machen oder einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung zu leisten. Im August 1969 traf es Menschen, die eigentlich gar nicht darauf aus waren: Schreinermeister Häger, seine Mitarbeiter und nicht zuletzt der Architekt Waldemar Specht aus Radevormwald machten eine scheinbar spektakuläre Entdeckung.

Ort des Geschehens war die Pauluskirche, da zu diesem Zeitpunkt eine umfangreiche Sanierung begann. Nachdem am 10. August 1969 noch ein Gottesdienst gefeiert worden war, begann ein paar Tage später der Abbruch der Empore, die vollkommen marode war und eine Gefahr für die Besucher darstellte. Am 27. August 1969 berichtete dann Reporter Theo Dörpinghaus für die Bergische Morgenpost über die Geschehnisse. Hauptthema waren die Schäden an der Substanz, die wesentlicher größer gewesen waren, als zuvor sichtbar. Doch im zweiten Teil seines Berichts kommt der für die Kirchenhistoriker spannende Teil: Man fand auf der Empore alte Bretter, in die Namen, Jahreszahlen und Verse eingeritzt waren. Alle mit der beschrifteten Seite nach unten. Mindestens zwei von ihnen trugen ein Datum vor 1781. Das ließ nur einen Schluss zu: Diese Bretter mussten aus der Nikolauskirche stammen, dem Vorgängerbau der Pauluskirche, und waren beim Nachfolgebau wiederverwendet worden. Denn die Nikolauskirche war 1753 und 1760 bei Stadtbränden schwer beschädigt und schließlich ab 1781 abgerissen worden.

Das älteste Brett trug die Inschrift „Pauls im Hagen anno 1627“. Nebenstehend eingraviert das Kopfstück einer Wiege mit den Initialen „PH“ und dem Satz (schon die Orthografie lässt das Alter erkennen): „Herr gib mir Fleis din Wort zu halten“. Das zweitälteste Brett mit der Datierung 1649 war einem Johannes Fasbender aus Schückhausen gewidmet. Weitere Bretter berichten über Menschen aus Dürhagen, Tefental, Lüdorf oder Langenberg.

Was es mit den Inschriften auf sich hatte, war auch dem damaligen Verantwortlichen und geschichtsinteressierten Waldemar Specht schnell klar, so dass er die Bretter „zur Seite legte“. In einigen Regionen war es noch bis ins 20. Jahrhundert üblich, einen Stammplatz auf einem Kirchstuhl oder einer Kirchenbank zu kaufen. Schilder oder Gravuren markierten dann das Anrecht auf den Sitzplatz. Letztendlich spiegelte die Sitzordnung auch die soziale Struktur der Gläubigen wider, und für die Kirche ergab sich somit ein einträgliches Zubrot.

Bei den Abbrucharbeiten wurden neben den Brettern auch Tonpfeifenköpfe gefunden, von denen einer sogar noch mit Tabak gefüllt war. Dörpinghaus hatte dazu eine Theorie, die er humorvoll wie folgt formulierte: „Sie haben alle die gleiche Form und gehörten vermutlich einem Stammplatzbesitzer, der sich auch während des Gottesdienstes nur schwer von seiner Pfeife trennen konnte.

Über den Verbleib der Bretter ist gegenwärtig nichts bekannt, außer dass sie damals explizit nicht weggeworfen oder beiseitegelegt wurden. Diese wären ein manifestes und direktes Zeugnis aus der Nikolauskirche, deren Inschriften-Auswertung interessante lokalhistorische Erkenntnisse zur Folge haben könnte.