Hückeswagen: Familie aus Eritrea nach vier Jahren endlich wieder vereint

Hückeswagen : Nach vier Jahren endlich wieder vereint

Yirga Belay lebt seit 2015 in Hückeswagen. Die jüngere Tochter des heute 32-jährigen Eritreers war zum Zeitpunkt seiner Flucht noch gar nicht geboren, jetzt konnte seine Frau mit den beiden Töchtern nachkommen.

„Tschüss“, sagt die fünfjährige Helen Belay zum Abschied. Und strahlt dabei über ihr kleines Gesicht. Es ist das richtige Wort, das sie in dieser Situation benutzt. Auch wenn ein „Willkommen“ oder auch „Endlich“ besser passen würden. Denn das kleine Mädchen durfte zusammen mit seiner ein Jahr älteren Schwester Lul und der Mutter Ziyada nach einer schier endlosen Odyssee im September dem Vater Yirga nach Deutschland, nach Hückeswagen, folgen. Die vergangenen viereinhalb Jahre müssen für für den 32-jährigen Familienvater schwer gewesen sein: Zu wissen, dass Frau und Kinder in nicht überbrückbarer Entfernung darauf warten, dass die Mühlen der Bürokratie endlich ihr Werk tun würden. Und nichts tun zu können, damit das Mahlwerk schneller arbeitet. „Wir haben in den vergangenen dreieinhalb Jahren jeden Tag telefoniert“, sagt Yirga Belay und schaut liebevoll zu seiner Familie, die auf der kleinen Couch in seiner Wohnung sitzt. Aber natürlich kann kein Telefon, keine Videotelefonie ersetzen, worauf die Familie in den vergangenen Jahren verzichten musste.

Yirga Belay flüchtete 2015 nach Deutschland, seine Frau Ziyada hatte sich in der Folge, mit dem Baby Lul und dem noch ungeborenen Kind im Leib, auf den Weg ins Nachbarland Äthiopien gemacht. Doch dort fingen die Schwierigkeiten erst richtig an. Davon weiß auch Bernd Oesinghaus zu berichten, der eine Art inoffizieller Patenschaft für den jungen Eritreer übernommen hat: „Die deutsche Botschaft in Adis Abeba hat sich stur gestellt. Alleine für das Visum für Ziyada und die Kinder haben wir ein Jahr gebraucht – nur einen Termin zu bekommen, hat fast ein halbes Jahr gedauert.“ Das Problem sei gewesen, dass es für das Ehepaar nur eine kirchliche Heiratsurkunde aus ihrer Heimat gebe. „Die Botschaft hat aber auf einer staatlichen bestanden. Die werden in Eritrea aber praktisch kaum ausgestellt“, betont Oesinghaus.

Beide Töchter fallen ihrem Vater um den Hals, den sie vier Jahre nicht in den Arm nehmen konnten. Foto: Oesinghaus

Da sei der ansonsten immer positiv denkende Eritreer in ein Loch gefallen, erzählt Oesinghaus ernst. „Wir haben eine Anwältin in Köln eingeschaltet, die auf solche Fälle spezialisiert ist. Da hat Yirga wieder Hoffnung geschöpft“, sagt der Hückeswagener. Es sei nicht einfach gewesen, aber 2018 war die richtige Urkunde dann da. „Im Juli 2019 kam das Visum, so dass wir endlich die Flugtickets kaufen konnten“, berichtet Oesinghaus. Die Evangelische Kirchengemeinde hatte sich zwischenzeitlich um eine größere Wohnung für die junge Familie gekümmert. „Yirga wohnte alleine in einem kleinen Appartement Am Kamp, am 1. Oktober sind die vier jedoch auf den Höchsten gezogen“, berichtet der Pate. Die kleine Helen geht sogar schon in den katholischen Kindergarten Am Kamp, ihren ersten Geburtstag in Deutschland hat sie ebenfalls bereits feiern können.

Als die Tickets gekauft waren und das Visum vorhanden war, schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, ehe das bislang nur halbe Happy End zu einem ganzen werden würde. Wenn da nicht die Tücken des Flugverkehrs wären. „Wir waren pünktlich im Ankunftsbereich am Frankfurter Flughafen. Aber obwohl der Flieger planmäßig angekommen war, war meine Familie nicht da“, sagt Yirga Belay. Ein wenig muss er schmunzeln, wenn er daran denkt. Denn diese Episode, so ärgerlich sie dann auch gewesen sein mag, war doch ein Klacks verglichen mit den langen Jahren des Schwebezustands und der Angst zuvor. „Ziyada und ihre Kinder waren von einem Security-Mitarbeiter fälschlicherweise in den Transitbereich geschickt worden. Und dann hat auch noch ein Koffer gefehlt“, sagt Oesinghaus lachend.

Für die junge Familie aus Eritrea ist ein grauenvolles Kapitel ihres Lebens glücklich zu Ende gegangen. Was die Jahre in Deutschland gebracht haben – neben dem Frieden, den Yirga Belay in seiner Heimat nicht mehr hatte –, ist eine Arbeit bei der Firma Haromac in Winterhagen. „Dort bin ich seit fast dreieinhalb Jahren“, erzählt der 32-Jährige. „Eigentlich bin ich Lehrer und habe auch hier schon ein Praktikum im Kindergarten gemacht.“ Aber er musste möglichst schnell Geld verdienen, um seine Familie zu versorgen und letztlich nachzuholen.

Aber es sind auch Freundschaften in der neuen Heimat Hückeswagen entstanden. Vor allem die zu Bernd Oesinghaus. „Yirga sagt Papa zu mir“, sagt der Hückeswagener gerührt. Und die kleine Helen, die gerade einmal ein paar Tage in Deutschland ist und natürlich kaum ein Wort der fremden Sprache kann, ergänzt strahlend: „Opa!“

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