Hückeswagen: Eritreer flüchtet wegen Bürokratie erneut

Wahl-Heimat Hückeswagen : Die Flucht nach der Flucht

Ein 15-jähriger Eritreer floh 2016 nach Deutschland. Er lebte anfangs in einer Jugendhilfeeinrichtung in Hückeswagen. Die Bürokratie veranlasste ihn, der Schloss-Stadt den Rücken zu kehren und sein Glück woanders zu suchen.

Mit 15 Jahren besucht ein Junge in Deutschland die weiterführende Schule, spielt in seiner Freizeit mit Freunden oder ist vielleicht in einem Fußballverein aktiv. In Eritrea muss ein 15-jähriger Junge zur Armee. Tulu (Name von der Redaktion geändert) wollte das nicht. Daher floh er nach Deutschland, strandete in Hückeswagen. Doch von dort begab er sich auf die nächste Flucht – die Bürokratie brachte ihn zur Verzweiflung.

Besonders gerne mag Tulu das Schloss in Hückeswagen. Von dort aus könne er die ganze Stadt sehen, es sei ein ruhiger Ort. Tulu braucht Ruhe. Nicht nur, weil er vor über zwei Jahren eine gefährliche Flucht aus Eritrea hinter sich gebracht hat. Sondern auch, weil er nun endlich eine Ausbildung in einer Hückeswagener Bäckerei beginnen konnte. Er muss viel lernen und früh schlafen. Das ist für ihn in der vorgesehenen Gemeinschaftsunterkunft nicht möglich. „Ich kann dort nicht wohnen. Die Leute trinken und rauchen dort“, beschreibt der heute 18-Jährige die Situation. Doch das ist das, was die Stadt nun für ihn vorsieht.

Im Oktober 2016 kam Tulu nach Deutschland. Zunächst verbrachte er zwei Monate in Köln, dann mehrere Monate in Wipperfürth, bis er schließlich im Sommer 2018 nach Hückeswagen kam. Dort war er in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht. Doch im Oktober vergangenen Jahres wurde Tulu alles zu viel.

„Er war frustriert, fühlte sich allein gelassen“, sagt Marcel Haldenwang. Der 38-jährige Hückeswagener und seine Frau kennen Tulu schon seit einigen Monaten. Tulu ist der Freund einer eritreischen Familie, die im selben Haus zur Miete wohnt. So erfuhr Haldenwang auch, dass Tulu erneut floh. Der Grund: „Das Jugendamt wollte auf sein hart erarbeitetes Geld zugreifen, wovon er einen Führerschein bezahlen wollte“, sagt Marcel Haldenwang. So dürfe das Jugendamt 75 Prozent des Einkommens von solchen Geflüchteten einziehen, die in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht werden, sagt Haldenwang. Das war zu viel für Tulu.

Der heute 18-Jährige räumte kurzerhand sein Konto leer und machte sich auf den Weg. „Wir haben über einen längeren Zeitraum versucht per WhatsApp auf ihn einzuwirken“, sagt Haldenwang. Am Vorabend von Silvester konnten die Haldenwangs Tulu endlich am Düsseldorfer Hauptbahnhof in Empfang nehmen. Doch dann wurde es noch problematischer: Die Jugendhilfeeinrichtung lehnte es ab, Tulu erneut aufzunehmen. Nach seiner Flucht gab es keinen Kostenträger mehr. So zog Tulu bei den Haldenwangs ein.

Doch das war keine Dauerlösung. Tulu wollte nicht in eine Gemeinschaftsunterkunft, da fühlt er sich einfach nicht wohl. Daher mieteten die Haldenwangs eine Einzimmerwohnung. „Ich bot der Stadt an, alle Kosten, die eine Sammelunterkunft übersteigen, selbst zu tragen“, sagt Haldenwang. Das lehnte die Stadt ab: „Menschen, die sich noch im Asylverfahren befinden, sollen nach dem Asylgesetz dort untergebracht werden“, sagt Bürgermeister Dietmar Persian. In der für Tulu vorgesehenen Unterkunft lebten elf Personen. Platz sei dort auch für 25, sagt Persian. „Und das Thema Alkohol und Drogen haben wir sehr wohl im Blick. Die Unterkünfte sind nicht sich selbst überlassen.“ Es gebe einen Hauswart, der überall nach dem Rechten sehe.

Doch Tulu sieht das anders. Er kann dort nicht leben. Nach einem Gespräch zwischen Haldenwang und dem Bürgermeister, möchte sich Letzterer den „Fall“ nun noch einmal genauer ansehen. „Wir sind hier in der Verwaltung so gepolt, dass es Regeln gibt, die für alle gelten. Aber wir haben auch immer den einzelnen Menschen im Blick“, sagt Persian. Wenn die Stadt sehe, dass sie einen anderen Weg einschlagen müsse und sich die Möglichkeiten dazu biete, dann würden sie das auch machen. „Der einzelne Mensch steht im Vordergrund“, sagt Persian.

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