1. NRW
  2. Städte
  3. Hückeswagen

Hückeswagen: Doppelte Staatsbürgerschaft für Familienvater

Hückeswagen und der Brexit : Ein deutscher Pass und die doppelte Staatsbürgerschaft

In der Schloss-Stadt hat Eurell Watt eine Familie gegründet. Jetzt hat der gebürtige Jamaikaner, der in Großbritannien aufgewachsen ist, neben dem britischen auch einen deutschen Pass. Auslöser für diese Entscheidung war der Brexit.

Seine Ideen und Pläne hat Eurell Watt bisher immer in die Tat umgesetzt. Mit gerade einmal elf Jahren verließ der heute 35-Jährige die Karibikinsel Jamaika, um zur Großmutter nach England zu ziehen. In Tottenham, einem Ortsteil von Nordlondon, besuchte er die Schule, das College und die Uni. Dass er jedoch einmal in Deutschland leben und auch die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen würde, hätte er damals nie gedacht. Heute lebt er jedoch mit seiner Ehefrau Yvonne und den Töchtern Emily (4) und Tiana (2) im eigenen Haus in Wiehagen und arbeitet im Schichtdienst bei einer Wipperfürther Firma.

Den ersten Kontakt zu Deutschland bezeichnet der 35-Jährige als „großen Zufall. Ich war beim Militär und damals in Gütersloh stationiert“, berichtet Eurell Watt. Bei einem Ausflug nach Köln traf er seine heutige Ehefrau. „Ich habe gefragt, ob sie mir hilft, das Land und die Leute kennenzulernen. Aber sie hat zuerst Nein gesagt“, erinnert sich der gebürtige Jamaikaner. Doch der Kontakt riss nicht ab. „Wir sind 2011 zusammengekommen, haben dann 2013 geheiratet und 2015 das erste Kind bekommen“, zählt Yvonne Watt auf. Bis 2013 war Eurell Watt beim Militär und unter anderem mit dem schnellen Eingreifverband QRF (Quick Reaction Force) in Afghanistan im Einsatz. „Man lernt dabei, das Leben zu schätzen, und sieht, wie gut wir es haben – ohne Krieg“, sagt Watt.

Dass das Paar in Hückeswagen, der Heimat von Yvonne Watt, bleibt, war nicht immer klar. „Vor den Kindern hätte ich auch Interesse gehabt, nach England zu gehen. Jetzt ist es etwas anderes“, sagt die Personalsachbearbeiterin. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf und haben von Geburt an die britische und deutsche Staatsbürgerschaft. „Es könnte Vorteile für ihr späteres Leben bringen“, sagen die Eltern.

Die Diskussionen über den Brexit hat das Ehepaar intensiv verfolgt. Denn mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) drohte auch der Verlust der Freizügigkeitsrechte für ausländische Arbeitnehmer sowie des Privilegs der doppelten Staatsbürgerschaft. Watt wollte aber die britische Staatsbürgerschaft behalten, um auch die Rentenansprüche seiner Militärzeit geltend machen zu können. Daher stellte er noch im vorigen Jahr den Antrag auf Einbürgerung in Deutschland und legte erfolgreich die erforderlichen Prüfungen ab. „Ich habe mir die 300 Prüfungsfragen zum Thema ‚Leben in Deutschland‘ als App auf das Handy geladen und damit gelernt“, erzählt der Wiehagener. Außerdem wurden seine Sprachkenntnisse auf B1-Niveau abgefragt. „Ich hatte neben Familie und Arbeit keine Zeit für einen Kursus und habe nur zu Hause gelernt“, fügt er hinzu. Mit Erfolg, wie die beiden bestandenen Prüfungen bestätigten. Die Einbürgerungsurkunde hält Watt bereits in den Händen. „Den deutschen Pass wollten wir aufgrund der Corona-Situation noch nicht beantragen“, sagt seine Ehefrau.

Für den 35-Jährigen ist es ein gutes Gefühl. „Mit der deutschen Staatsbürgerschaft fühlt man sich besser integriert in das gesamte soziale Umfeld, und es öffnet einem vielleicht mehr Türen“, hofft Watt. Die Abspaltung Großbritanniens sieht er mit gemischten Gefühlen. „Keiner hat den Brexit kommen sehen, und niemand kann sagen, ob es Vor- oder Nachteile haben wird.“ Für seine Familie hält er Deutschland für die bessere Wahl. „Eine junge Familie braucht Stabilität“, betont der Familienvater.

Für die Zukunft hat der 35-Jährige schon Pläne. „Ich möchte im Beruf weiterkommen und Neues lernen“, sagt er. Das bezieht die Sprache mit ein. „Deutsch ist schwer zu lernen, aber eine Willenssache. Man darf sich nicht scheuen, zu sprechen und auch Fehler zu machen“, davon ist Watt überzeugt. Zu seinen Hobbys zählen Kochen, Fahrradfahren, Lesen und das Entwickeln von iOS-Apps für das iPhone. Gerne würde er seine Leidenschaften verbinden und eine Koch-App mit Schritt-für-Schritt-Anleitung entwickeln, die Kochanfängern den Einstieg erleichtert. Ich kann eigentlich alles kochen – jamaikanische, englische und deutsche Gerichte. Allerdings essen meine Kinder am liebsten italienisch – Nudeln und Pizza“, verrät er lachend.

Eine echte Multi-Kulti-Familie, die ihren Lebensmittelpunkt in der beschaulichen Schloss-Stadt hat und mit dieser Entscheidung glücklich ist.