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Hückeswagen: Diakon Burkhard Wittwer spricht über das Abschiednehmen

Interview mit Diakon Burkhard Wittwer aus Hückeswagen : Einsamer Abschied ohne Trost und Nähe

Durch die Corona-Krise würden Sterbende unbegleitet bleiben, den Hinterbliebenen werde das Abschiednehmen beinahe unmöglich gemacht, kritisiert der katholische Diakon Burkhard Wittwer im BM-Gespräch.

Der Abschied von einem geliebten Menschen ist nie einfach. Der katholische Diakon Burkhard Wittwer (Archivfoto: Moll), der schon mehrere Bestattungen in der Corona-Zeit gestaltet hat, hat sich Gedanken zum Umgang mit dem Leben und Sterben in Corona-Zeiten gemacht. Er plädiert eindringlich für mehr Begleitung der Alten, Kranken und Sterbenden sowie selbstverantwortliches Handeln.

Herr Wittwer, als Diakon haben Sie häufig Kontakt zu Trauernden. Was hat sich durch die Corona-Pandemie verändert?

Burkhard Wittwer Eine Gesellschaft, die als eine ihrer Lieblingsweisheiten sagt, „nicht dem Leben mehr Jahre geben, sondern den Jahren mehr Leben“, und in der die Mehrheit vehement für ein selbstbestimmtes Sterben in Würde eintritt, verliert in Hysterie und Panik um das eigene Leben den Blick auf das Wesentliche und nimmt den Skandal des unbegleiteten Sterbens in Kauf. Ja selbst das Abschiednehmen vom Verstorbenen wird unmöglich gemacht. Hier ist etwas ganz anderes notwendig als die aberwitzige Vorstellung, man könnte sich und das Leben anderer bis zur absoluten Sicherheit schützen.

Was ist denn Ihrer Meinung nach dafür notwendig?

Wittwer Wenn ich im Anderen primär den Überträger eines Virus sehe, statt aus christlicher Sicht gesprochen ein geliebtes Gotteskind, das von Gott her seine unendliche Würde zugesprochen bekommen hat, verharre ich in einer negativ-angstvollen Sicht, die eine ganze Gesellschaft in die Depression oder auch Wut treibt. Beides ist viel zerstörerischer als das Coronavirus.

Wie könnte sich diese auferlegte Distanz auf die Zukunft auswirken?

Wittwer Es ist die Frage, wie wir mit dem nächsten Virus umgehen wollen. Wie werden wir in Zukunft damit umgehen, dass wir durch unser Verhalten täglich triagieren, indem wir zum Beispiel durch unsere Wirtschaften Not, Krieg, Hunger und Armut über die Welt bringen, an deren Folgen jeden Tag Hunderttausende sterben?

Was muss sich denn ändern im zwischenmenschlichen Umgang und in der Begleitung kranker und sterbender Menschen?

Wittwer Ich kann jetzt nicht eine neue Weltordnung entwerfen, die wir allerdings dringend bräuchten. Aber ich kann in der jetzigen Situation vehement für mehr Begleitung der Alten, Kranken und Sterbenden seelsorgerisch und pflegerisch plädieren. Wir brauchen nicht mehr Intensivmedizin mit Beatmungsgeräten; wir brauchen mehr Palliativmedizin mit menschlicher Begleitung.

Begleitung erfordert Kontakt. Ist das angesichts des aktuellen Infektionsrisikos überhaupt machbar?

Wittwer Ich werde jetzt nicht leichtsinnig oder fatalistisch, denn Hygienevorschriften und Schutzkleidung machen natürlich Sinn. Aber wir können nicht in unserer Angst vor Ansteckung – die im Übrigen Jesus und vielen, die wir als Heilige verehren, völlig wesensfremd war – verharren und dabei das Wichtigste ausklammern: Die spürbare Erfahrung, dass ich in meinem Leben bis zum Ende begleitet werde.

Sie plädieren also für mehr selbstbestimmtes Handeln in außergewöhnlichen Situationen?

Wittwer „Fürchtet Euch nicht!“, möchte ich allen zurufen und Mut machen. Die meisten Menschen haben ein gutes Gespür dafür, was gut ist und ihnen guttut. Habt Vertrauen in dieses Gespür, möchte ich allen Verantwortlichen zurufen, und ermöglicht mehr kreativen und selbstverantworteten Umgang zum Wohle aller.