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Hückeswagen: Deutschlernen auf Grundschulniveau

Deutschkurse : Deutschlernen auf Grundschulniveau

Nachdem die Deutsch- und Integrationskurse nach der Schließung des Flüchtlingstreffs am Hallenbad umziehen mussten, finden sie jetzt in den Räumen des Bildungsträgers Tertia an der Industriestraße in Hückeswagen statt.

Lange Zeit war es Menschen ohne Deutschkenntnisse in Hückeswagen nur bei der Volkshochschule (VHS) möglich, Sprachkurse zu belegen. „Der Nordkreis war im Oberbergischen Kreis das Stiefkind. Das erwies sich dann natürlich als problematisch, als die vielen Geflüchteten auch zu uns gekommen sind und dann Sprachkurse belegen wollten“, bestätigt Deike Schütte, die sich als Mitarbeiterin der Stadtverwaltung vor allem um das Thema Sprache kümmerte. „Der Bedarf war etwa 2016 und 2017 riesig – aber es fehlten die Bildungsträger, die diese Kurse anboten“, sagt Schütte.

Es sei dabei nicht nur um Sprach-, sondern auch um Alphabetisierungskurse gegangen. Denn viele der Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Iran konnten zwar vielleicht ihre Schrift lesen, aber nicht die arabischen Schriftzeichen. An dieser Stelle kommt der private Bildungsträger Tertia ins Spiel. „Eine Mitarbeiterin des Unternehmens kam zu mir ins Büro am Etapler Platz und sagte: Wir können Sprach- und Alphabetisierungskurse anbieten“, erinnert sich Schütte.

Im November 2017 war es dann soweit: Der erste Kursus lief an, noch ein wenig chaotisch, wie sich Inga Aleth, die stellvertretende Niederlassungsleiterin von Tertia, erinnert. Die Kurse fanden im Flüchtlingstreff am Hallenbad statt. „Von dort mussten wir ja im August dieses Jahres weg, seitdem sind wir hier in den neu angemieteten Räumlichkeiten von Tertia an der Industriestraße angesiedelt“, sagt Schütte. Zwischenzeitlich hätten die Kurse auch in den Räumen der Flüchtlingsunterkunft an der Peterstraße stattgefunden, ergänzt Aleth. Und auch wenn die Neuzuzüge von Flüchtlingen nach Hückeswagen abnehmen, seien die Alphabetisierungs- und Deutschkurse doch nach wie vor gut besucht. „Es gibt viele Frauen, die jetzt erst Deutsch lernen, obwohl sie schon länger hier leben“, sagt Schütte.

Neben den reinen Sprachkursen, die für alle offen sind, werden bei Tertia auch die für Flüchtlinge verpflichtenden Integrationskurse angeboten. „Ein Integrationskursus umfasst 600 Stunden, davon sind 500 Stunden Sprache und 100 Stunden Orientierung. Danach haben die Absolventen das B1-Sprachniveau“, sagt Aleth. Damit könne man einfache Texte lesen und schreiben. Das würde theoretisch auch als Ausbildungsniveau genügen. „Aber in der Praxis kommt man damit in der Berufsschule nicht zurecht“, sagt Aleth. Die Alphabetisierungskurse umfassen 900 Stunden. „Das geht auf Grundschulniveau mit einfachen Schreibübungen und dem Erlernen des Alphabets los“, sagt Aleth. Dabei sei vor allem interessant zu sehen, dass viele der Schüler zwar ganz ordentlich Deutsch sprechen könnten, aber im Schreiben oder Lesen überhaupt keine Kenntnisse hätten. Die Lehrer, die die Sprachkurse hielten, seien ausgebildete Lehrer, die in der Erwachsenenbildung tätig seien oder Quereinsteiger, die eine Zusatzqualifikation absolivert haben. „Alle sind vom BAMF zertifiziert“, sagt Schütte. Wie etwa Bärbel Stürmer, die einen allgemeinen Integrationskursus leitet, in dem die Teilnehmer die arabischen Buchstaben schon kennen. Die Kinder der meist jungen Frauen werden während des Unterrichts betreut. Die Teilnehmerinnen sind wissbegierig. „Wir kommen an vier Tagen in der Woche jeweils für vier Stunden“, sagt Mihrenah Düzen aus der Türkei. Ayat Bodoka aus Syrien ergänzt: „Wir lernen sprechen, schreiben und lesen. Und Grammatik – Dativ und Akkusativ“, sagt sie und lacht. Es werde auch viel diskutiert, sagt Nevila Hajdari aus Albanien. „Wir lernen die Sprache durch das Sprechen – und mit Büchern.“

Auch Andreas Inkmann unterrichtet eine Gruppe, hier sind Männer und Frauen gemischt. „Es gibt keinerlei Vorkenntnisse. Diese Anfangsphase ist immer etwas schwierig“, sagt der Lehrer. Ein Mann aus Syrien sagt etwa: „Wir müssen erst die Buchstaben lernen. Jetzt sehen meine schon ganz gut aus“, sagt er und deutet auf ein Schreibheft, in das er ordentlich einzelne Buchstaben geschrieben hat. „Es ist sehr schwer, in meiner Heimat habe ich keine Schule besucht. Ich habe Schweißer gelernt – aber nicht lesen und schreiben.“

Die Integrations- und Alphabetisierungskurse werden vom BAMF finanziert – nach der Prüfung mit Fragen über das Leben in Deutschland bekommen die Absolventen eine Bescheinigung über die Teilnahme.