Hückeswagen: Der Hausarzt ist vom Aussterben bedroht

Landarztquote : Der Hausarzt ist vom Aussterben bedroht

In Hückeswagen ist die Situation aktuell sehr angespannt. Enorme Patientenzahlen machen den wenigen Hausärzten schwer zu schaffen. Das Problem: In einigen Jahren werden fast zeitgleich viele Mediziner in den Ruhestand gehen.

Acht Hausärzte gibt es in der Schloss-Stadt, bis auf drei junge Kollegen sind alle über 50 Jahre alt. Die Situation bezeichnet Hausarzt Helmut Beckert als „tickende Zeitbombe“, da auf einen Schlag viele Allgemeinmediziner in den Ruhestand gehen werden. Die geplante Umsetzung der Landarzt-Quote sei zwar der richtige Ansatz, der Erfolg aber fraglich.

Etwa 11.500 Hausärzte gibt es in NRW, über die Hälfte sind nach Zahlen des Gesundheitsministeriums älter als 55 Jahre. 2016 schieden 457 Hausärzte aus dem Dienst, im selben Jahr gab es nur 200 Facharztanerkennungen. Zum Wintersemester 2019/20 will NRW als erstes Bundesland 145 Abiturienten ohne Bestnoten im Abitur ein Medizinstudium ermöglichen, zum Sommersemester 2020 sollen 25 weitere Studienplätze vergeben werden. Das ist die Antwort auf die Forderung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Er forderte im vergangenen Jahr eine Landarzt-Quote, um die hausärztliche Versorgung in ländlichen Regionen zu verbessern. Der Haken: Wer einen solchen Sonderstudienplatz erhält, verpflichtet sich, nach dem Studium eine Weiterbildung zum Facharzt zu machen und danach für mindestens zehn Jahre als Landarzt in einer unterversorgten oder von einer Unterversorgung bedrohten Region in NRW tätig zu sein. Wird diese Verpflichtung nicht eingehalten, kostet das die jungen Ärzte 250.000 Euro.

In Hückeswagen ist die Situation aktuell angespannt. Enorme Patientenzahlen machen den wenigen Hausärzten zu schaffen. „Im Landesschnitt liegen 800 Scheine pro Quartal, wir haben in einer Praxis mit zwei Ärzten 2500 in einem Vierteljahr“, sagt Hausarzt Helmut Beckert. Scheine bedeuten in diesem Fall, dass jemand seine Versichertenkarte beim Arzt einlesen lässt. Zu zweit machen Helmut Beckert und Stephan Lode also die Arbeit von drei Ärzten. Besonders schwierig werde es, wenn andere Praxen Urlaub machen. „Dann kommen die Patienten zu uns, oder umgekehrt laufen unsere bei den Kollegen auf“, sagt der 57-Jährige.

Zu den „jungen“ Kollegen zählen in der Schloss-Stadt Katja Forche und Anne Kunde. Beide sind fest in Hückeswagen verwurzelt. „Ich bin Hückeswagenerin und traue mir daher den Job hier zu“, sagt Kunde. Die 35-Jährige verstehe aber, warum sich junge Ärzte nicht unbedingt in der Schloss-Stadt niederlassen wollen. Einen Grund sieht sie darin, dass manche in den großen Uni-Städten schon Familien gegründet haben. Die Gemeinschaftspraxis ist sogar eine zertifizierte Ausbildungspraxis für Allgemeinmedizin der Universität Köln, bisher habe bei ihnen aber noch niemand ein Praktikum absolviert. „Es gab noch nicht einmal eine Nachfrage“, sagt Kunde. Wenn einer der beiden Ärztinnen aufhören sollte, würden sie wohl so auch nicht so schnell einen Nachfolger finden.

Die Landarztquote geht für Beckert da schon in die richtige Richtung, im Sinne einer langfristigen Strategie. „Die Frage ist nur, ob sich da jemand drauf einlässt“, sagt Beckert. Er wüsste nicht, ob er sich damals dazu entschieden hätte. Und insgesamt habe der Beruf des Allgemeinmediziners ein negatives Image. Eine so extreme Zeit- und Kraftbelastung „will sich nicht jeder ans Bein binden“.

Und dabei haben Allgemeinmediziner ein breites Basiswissen, nicht nur Husten und Schnupfen werden in den Praxen behandelt. „Die Facharztausbildung für Allgemeinmedizin dauert genau so lange, wie die anderen auch“, sagt Katja Forche. Der Beruf eines Landarztes sei ein toller Job, dem durch eine Quote kein Zwang auferlegt werden sollte. „Die Umsetzung der Quote wird nicht das Problem lösen, man muss den Einstieg attraktiver gestalten und das Ansehen der Hausärzte stärken.“

Eine Entlastung könnte sich Helmut Beckert auch seitens der Stadt Hückeswagen vorstellen. So habe in Büsum beispielsweise die Verwaltung alle Praxen aufgekauft und ein Ärztehaus aus dem Boden gestampft. „Headhunter versuchen nun, junge Ärzte nach Büsum zu ziehen“, sagt Beckert. Das könnte er sich auch für die Schloss-Stadt vorstellen.

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