Hückeswagen demonstriert gegen Rechtsextremismus Ein bärenstarkes Zeichen für die Demokratie

Hückeswagen · 1015 Demonstranten gingen nach Zählungen von Polizei und Veranstaltern am Freitagabend für „Demokratie & Menschlichkeit“ auf die Straße. Für die Verantwortlichen war das ein Mut machendes Zeichen. In den Reden zu Beginn wurde es kämpferisch und emotional.

Demo: „Hückeswagen steht auf für Demokratie & Menschlichkeit“
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„Hückeswagen steht auf für Demokratie & Menschlichkeit“

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Foto: Jürgen Moll

Luis ist mit seiner kleinen Schwester und seiner Mutter aus Wipperfürth gekommen. Sein Plakat mit den bunten Buchstaben ist ein klares Statement: „Ich bin so sauer, ich lasse sogar mein Training ausfallen“, hat der Grundschüler darauf gemalt. Warum er demonstriert? „Ich bin dagegen, dass unsere Freunde dieses Land verlassen sollen“, sagt Luis. Seine Schwester hat auf ihrem Plakat eine ebenfalls unmissverständliche Botschaft hinterlassen: „Lillefee statt AfD“.

Eine halbe Stunde vor dem Beginn um 17 Uhr herrscht in der Glashalle am Bahnhofsplatz geschäftiges Treiben: Mitglieder der Bürgergruppierung „Wir sind mehr im Bergischen“ tackern die letzten Plakate zusammen, die die Demonstranten später im Zug mitführen sollen. Auf den Plakaten der Protestierenden, die nicht nur aus Hückeswagen, sondern aus der gesamten Region zwischen Wuppertal und Engelskirchen gekommen sind, werden klare Aussagen transportiert: „Es ist 5 vor 1933“, „Hückeswagen steht für Vielfalt“, „Nazis? Hatten wir schonmal. War kacke“, „Hass ist keine Botschaft“, „Zeig Rassismus die rote Karte“ oder „Demokratie ist eine Errungenschaft, die jeden Tag verteidigt werden muss“.

Shirley Finster von der 2018 gegründeten Bürgergruppierung tritt dann auf ein kleines Podest mit dem Mikrofon in die Hand. Diese Gruppe stehe für einen respektvollen Umgang, ohne Hass und Hetze, betont sie. Das Motto der Demonstration „Hückeswagen steht auf für Demokratie & Menschlichkeit“ sei bewusst gewählt worden. Mit Blick auf die Pläne der Rechtsextremen, die vor kurzem bekanntgeworden und der Auslöser für die vielen Demonstrationen bundesweit seither waren, erteilt Shirley Finster „menschenverachtenden Abschiebefantasien“ eine Absage. „Wir stehen für Vielfalt und eine weltoffene Gesellschaft und weichen kein Millimeter nach rechts!“ Auch stünden sie für Toleranz. „Aber das bedeutet nicht, dass wir Intoleranz tolerieren müssen!“

Wie sie zeigt sich auch Bürgermeister Dietmar Persian begeistert über die Menschenmasse auf dem Bahnhofsplatz: „Das ist ein gutes und Mut machendes Zeichen.“ Überall im Land stünden in diesen Tagen Menschen auf. „Wir sind erschüttert über das, was in geheimen Zirkeln ausgedacht wird“, sagte er. Nun würden Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte wach, wenn über die „Remigration“ von Millionen Menschen gesprochen wird. Persian: „,Remigration‘ – ein schlimmes Wort, ein Unwort. Denn eigentlich geht es doch um nichts anderes, als um Vertreibung von Menschen aus unserem Land.“

Er unterstreicht, dass nicht die Menschen, die eine dunklere Hautfarbe hätten, die anders glaubten oder eine andere Sprache sprächen, eine Gefahr für dieses Land seien. „Eine Gefahr für unser Land, unseren Wohlstand und unsere Wirtschaft sind vielmehr diejenigen, die mit gefährlichen, menschenverachtenden Überzeugungen unterwegs sind. Die Ängste schüren und auf Abgrenzung setzen“, ruft Persian unter dem durch die vielen Pfeifen, Trommeln und Ratschen verstärkten Applaus der Demonstranten aus.

 „Wir haben eine ganz andere Vorstellung von unserem Land und von unserer Stadt“, betont Persian. „Wir treten ein für Respekt und Toleranz. Für den Dialog und für ein Miteinander.“ Doch er warnt auch, dass es nicht reiche, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Vielmehr käme es darauf an, „dass wir alle im Alltag Flagge zeigen. Dass wir dann nicht still bleiben, wenn ein Nachbar oder eine Kollegin diskriminierende Äußerungen macht.“ Persian appelliert, sich im Alltag für die Demokratie, für die Gemeinschaft und den Menschen neben einem einzusetzen und fordert die Demonstranten auf: „Mischen Sie sich ein! Arbeiten Sie mit in den Vereinen und Gruppen unserer Stadt, in den politischen Parteien, in der Kommunalpolitik.“

Dann wird es emotional: Mehrnaz Hejabizadehha erzählt ihre Geschichte und verdeutlicht, warum jetzt unbedingt der Kampf gegen den Rechtsextremismus aufgenommen werden muss. „Ich habe Glück, heute hier zu stehen und zu sprechen. Glück, seit meinem zehnten Lebensjahr in einem freien demokratischen Land leben zu dürfen“, sagt die Hückeswagenerin.

Vor gut 30 Jahren war ihre Mutter mit ihr aus dem Iran geflohen. „Wir kommen aus einem diktatorischen Land, in dem das Leben eines Menschen so lange von Wert ist, wie dieser den kranken Ideologien des obersten Führers huldigt und genauso lebt, wie er das will.“ Sie wolle zeigen, wie es aussehe, wenn eine Demokratie abgeschafft werden würde. „Was uns erwarten würde, wenn Diktatoren an die Macht kämen und das Grundgesetz außer Kraft setzen würden.“ Sei es doch schwer, die Demokratie wieder zurückzuholen – die Menschen im Iran erlebten das seit September 2022.

„Die Demokratie zu verlieren, bedeutet nichts Gutes“, sagt Mehrnaz Hejabizadehha. Sie bedeute den Verlust von Meinungs- und Pressefreiheit, Angst vor Verfolgung, Unfreiheit, Verlust von Seelenfrieden und Zwang sowie mehr Armut, Korruption und Unterdrückung. Allerdings gebe es eine Ausnahme in einer Demokratie: „Sie muss nicht alles aushalten. Besonders nicht die Fantasie einer rechtsextremen Partei.“ Und fügt unter dem Jubel der Menschen auf dem Bahnhofsplatz hinzu: „Was die Demokratie gefährdet, darf nicht wachsen!“

Was ihr in den vergangenen Tagen Mut gemacht habe, sei, dass 1,5 Millionen Menschen auf die Straßen gegangen seien, um gegen Rechtsextremismus, Hass und Hetze und für Demokratie und Vielfalt zu demonstrieren. „Das ist in unser aller Verantwortung“, betont Mehrnaz Hejabizadehha. Schließlich nutzt sie die Gelegenheit, um insbesondere an die jungen Menschen in Hückeswagen zu appellieren: „Fangt an, immer und überall die Demokratie zu verteidigen. Fangt an, Euch für eine tolerante Gesellschaft zu engagieren. Steht auf der Seite der Demokratie und werdet aktiv!“ Dann gehen ihre letzten Worte im Jubel der Menschenmasse unter: „Denn junge Menschen von heute werden die Wegweiser von morgen sein.“

Nachdem der Demonstrationszug über Island-, Friedrich- und Bachstraße gezogen ist, ist Shirley Finster bei der Rückkehr zum Bahnhofsplatz glücklich. „Wir haben die Demonstration für 200 Teilnehmer angemeldet und auf vielleicht 500 gehofft“, berichtet. Nach Zählungen der Polizei und der Veranstalter waren es 1015. „Ein Wahnsinn!“, kommentiert die Hückeswagenerin mit niederländischen Wurzeln.

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