Hückeswagen: 340 Kilometer für Protest bei Klingelnberg

Hückeswagen : 340 Kilometer für Protest bei Klingelnberg

Etwa 80 Beschäftigte aus dem badischen Werk in Ettlingen demonstrierten am Donnerstagvormittag vor dem Unternehmen an der Peterstraße für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Finanzvorstand Christoph Küster stellte sich ihnen.

Die Nacht auf Donnerstag war für Jarno Groth nur kurz. Schon um 5.45 Uhr stand der Industriemechaniker zusammen mit etwa 80 weiteren Kolleginnen und Kollegen vor dem Tor des Ettlinger Klingelnberg-Werks. Eine Viertelstunde später bestiegen sie zwei Reisebusse und machten sich auf die etwa 340 Kilometer und knapp fünf Stunden dauernde Fahrt aus Süddeutschland ins Bergische. Um 10.45 Uhr parken die beiden Busse in der Haltestelle an der Peterstraße, und die Beschäftigten gehen die wenigen Meter bis zum Klingelnberg-Haupttor. Ausgerüstet mit orangefarbenen IG-Metall-Kappen, roten Fahnen der Gewerkschaft, den obligatorischen Trillerpfeifen und reichlich Spruchbändern nehmen sie schließlich Aufstellung vor dem Pförtnerhäuschen.

„Wir wollen unsere Arbeitsplätze behalten und dokumentieren, dass das Konzept der Firmenleitung nicht durchdacht ist“, sagt Groth, der seit zwölf Jahren in dem badischen Werk arbeitet, das bis vor siebeneinhalb Jahren noch eigenständig war ( s. Info-Kasten). Würden die Arbeitsplätze der Stirnrad-Produktion nach Hückeswagen verlegt, wie das der Geschäftsführung offenbar vorschwebt, würde der Wissentransfer nicht stattfinden. Denn wohl kaum ein Beschäftigter aus Ettlingen würde wirklich das Angebot annehmen, nach Hückeswagen umzusiedeln, um hier zu arbeiten: Das bestätigt Martin Obst, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Karlsruhe, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die etwa 80 Beschäftigten aus dem badischen Ettlingen zogen nach ihrer etwa 30-minütigen Protestaktion vor dem Klingelnberg-Haupttor über die Peterstraße zum Parkplatz des Unternehmens, wo für sie in Zelten Kaffee, Kuchen und Pizza bereitstanden. Foto: Stephan Büllesbach

Die Klingelnberg-Gruppe, Hersteller von Hochtechnologie im Bereich der Verzahntechnik, hat ein schwieriges erstes Halbjahr 2019/2020 hinter sich (das Geschäftsjahr geht vom 1. April bis 20. März) – die Umsätze bei den Kegelrädern (minus sechs auf 35 Millionen Euro) und Präzisionsmesszenten (minus 9,1 auf 21 Millionen) waren stark rückläufig. Da konnte auch das Umsatzplus in den Bereichen Stirnräder (plus 4,1 auf 22,8 Millionen) und Antriebstechnik (plus eine auf 5,9 Millionen) das Gesamtminus nicht ausgleichen. Seither wird darüber diskutiert, die Produktion komplett in Hückeswagen zu bündeln. Das könnte bedeuten, dass die Stirnrad-Produktion aus dem badischen Ettlingen ins Bergische verlagert wird.

Dagegen wehren sich die dort insgesamt 260 Beschäftigten – 80 von ihnen nehmen am Donnerstag zwei mehrstündige Busfahrten auf sich, um mit ihrer Protestaktion in Hückeswagen den Vertretern des Gesamtbetriebsrats und der Gewerkschaft den Rücken zu stärken. Denn die sitzen an der Peterstraße mit der Unternehmensleitung zusammen, um über die Produktionsverlagerung zu verhandeln.

„Wir haben mit einem externen Sachverständigen ein substanzielles Konzept erarbeitet, das wir der Geschäftsführung vorlegen“, hatte Martin Obst im Vorfeld der Demonstration auf Anfrage unserer Redaktion gesagt. Der Gewerkschafter weiß, dass nicht alle der 160 im Raum stehenden Arbeitsplätze in ettlingen gerettet werden können – nach den Vorstellungen der Unternehnmensführung blieben im Badischen lediglich die Bereiche Software-Entwicklung, Kundenservice und Vertrieb und damit etwa 100 Arbeitsplätze. Das Konzept der Arbeitnehmer hingegen sieht vor, lediglich die Produktion der kleineren Stirnräder nach Hückeswagen zu verlegen und die der größeren in Ettlingen zu belassen.

Das hat aus Sicht des Gesamtbetriebsrats und der IG Metall zwei Vorteile: Etwa 65 der 160 betroffenen Arbeitsplätze im Badischen könnten gesichert und die für die Fertigung benötigten großen Produktionshallen dort erhalten werden. Denn: „Hückeswagen hat weder das Know-how noch die entsprechenden Hallen, um hier die großen Stirnräder produzieren zu können“, sagt Obst in einer Verhandlungspause vor den Beschäftigten aus Ettlingen, die dem kalten bergischen Regen trotzen. Das sieht auch Jarno Groth so: „In der Geschwindigkeit und mit der Qualität könnte in Hückeswagen nicht produziert werden.“

Nach etwa einer halben Stunde marschieren die Klingelnberg-Mitarbeiter aus Baden-Württemberg, begleitet von der Polizei, die etwa 200 Meter über die Peterstraße bis zum Parkplatz, wo ihnen das Unternehmen in windgeschützt stehenden Zelten Erfrischungsgetränke, Kaffee und Kuchen zur Verfügung gestellt hat. Von der Gewerkschaft gibt es mehrere Familienpizzen, geliefert von einer Hückeswagener Pizzeria. Um kurz nach 12 Uhr geht’s wieder zurück ins Süddeutsche. Die Ungewissheit jedoch bleibt. Denn eine Entscheidung fällt vielleicht erst in zwei Wochen: Am 27. Februar wollen Gesamtbetriebsrat, Gewerkschaft und Unternehmensführung in Hückeswagen erneut verhandeln.

Immerhin können die Demonstranten ein Versprechen von Finanzvorstand Christoph Küster mitnehmen: „Wir werden über das Konzept sprechen, es prüfen und dann eine Stellung dazu abgeben“, versichert er ihnen. Und er sagt: „Wir liegen relativ nah beieinander.“