Hückeswagen: Glücksbringer sind Unglücksraben

Hückeswagen: Glücksbringer sind Unglücksraben

Der erklärte Schutzwall "tollwutgefährdeter Bezirk" rund ums Wipperfürther Rathaus reichte nicht aus. Die Narren fegten die Verteidiger hinweg und machten das Rathaus zu ihrem "T(h)ollhaus".

Es war der zweite Weihnachtstag 1999, als Orkan "Lothar" auch über das Bergische Land hinwegfegte - mit teils verheerenden Spitzenböen von weit mehr als 100 Kilometern pro Stunde. Doch im Grunde genommen war das nur ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem Orkantief, das gestern Morgen über Wipperfürth hereinbrach.

Das Tanzcorps "Blau-Weiß" Neye macht sich schon mal warm. Ihnen zuzuschauen, ist für Karnevalisten immer wieder eine Freude. Foto: Stephan Büllesbach

Als sich gegen 10 Uhr die Phalanx der Verteidiger des Rathauses der Hansestadt auf der Balustrade aufstellten, um dem angriffslustigen närrischen Volk auf dem Marktplatz Einhalt zu gebieten, setzte sich der Orkan "Lothar I." in Bewegung und fegte die hoffnungslos unterlegenen Verteidiger hinfort. Das Rathaus war für den Wipperfürther Karnevalsprinz der Narrenzunft Neye, "Lothar I.", samt Gefolge im Handstreich eingenommen. Zusammen mit seinem Gefolge hatte er eine Schneise aus Strüßjer und Bützchen hinterlassen.

Möhnen und ganze viele Karnevalisten versammelten sich gestern Morgen unterhalb der Rathaus-Balustrade vor dem Rathaussturm an Altweiber - die "Ruhe vor dem Sturm". Foto: Stephan Büllesbach

Wieder einmal, wie in all den Jahren zuvor, hatte sich die Wipperfürther Rathaus-Mannschaft "Verstärkung" aus Hückeswagen geholt. Ganz in Schwarz hatten sich Stadtoberhaupt Dietmar Persian, der Personalratsvorsitzende Axel Kremer und die Hückeswagener Tourismusbeauftragte Heike Rösner dem jecken Sturm entgegengeworfen - und wurden doch wie alle anderen hinfortgeblasen.

Heike Rösner und Dietmar Persian überreichen ein Glücksschwein an Michael von Rekowski (l.) - vor dem roten Bergischen Löwen des Wipperfürther Künstlers Michael Wittschier. Foto: Sebastian Rademacher

Dabei hatte das Quartett aus der Schloss-Stadt in diesem Jahr vor allem auf den Faktor Glück gesetzt, war es doch als Schornsteinfeger erschienen. Zudem hatte Heike Rösner ein (Plüsch-)Schwein dabei, auf dessen Rücken auch noch ein vierblättriges Kleeblatt montiert war. Doch trotz dieser Inflation an Glücksbringern ist es offenbar eher möglich, heute Abend den 90-Millionen-Eurolottojackpot zu knacken, als einem Orkantief namens "Lothar I." standzuhalten.

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Da sich die Glücks-Taktik alles andere als erfolgreich erwiesen hatte, reichten die Hückeswagener Unglücksraben das Glücksschweinchen an Wipperfürths Bürgermeister Michael von Rekowski weiter. "Denn Glück können die Wipperfürther allemal brauchen", sagte Heike Rösner mit einem hintergründigen Lächeln.

Von Rekowski hatte sein Rathaus kurzerhand zum "tollwutgefährdeten Gebiet" erklärt und auf der Ballustrade eine Reihe gefährlicher (Plüsch-)Tiere sowie den großen roten Bergischen Löwen des Wipperfürther Künstlers Michael Wittschier aufgebaut. Nutzte alles nichts. Prinz Lothar I.: "Ich habe vor nix Angst!" Spott musste sich die Hückeswagener Delegation gefallen lassen, vor allem Bürgermeister Persian, dem die Jecken offenbar nur wenig zutrauen. Rene Löhr, Präsident der Narrenzunft Neye, meinte: "Der kommt einmal im Jahr und ist dann immer schnell weg."

Anders als sein Namensgeber von 1999 zeigte sich Prinz Lothar I., der mit bürgerlichem Namen Tholl heißt und aus Hämmern kommt, nicht von seiner zerstörerischen Seite. Vielmehr mutierte das närrische Orkantief zu einem angenehmen Lüftchen, bei dem es sich im Ratssaal des Wipperfürther Rathauses gut schunkeln und feiern ließ. Es sollte der Auftakt sein zu fünf t(h)ollen Tagen in der Nachbarstadt, die mit den Umzügen am Sonntag (Wipperfürth; Start um 12.11 Uhr in der Neye-Siedlung) und am Rosenmontag in Kreuzberg (Start um 14.11 Uhr auf der Westfalenstraße) enden. Und die Hückeswagener Delegation? Für die heißt es wieder einmal: Nach dem Sturm aufs Rathaus ist vor dem Sturm aufs Rathaus. Wie aus gut informierten Kreisen im Schloss zu hören ist, wird bereits am Verteidigungskonzept für Weiberfastnacht 2019 gefeilt.

Dann mal viel Glück. . .

(büba)