Europawahl in Hückeswagen: bärenstarke Grüne, große Verluste für CDU/SPD

Europawahl 2019 : Auch Hückeswagen wird grüner

Die Schloss-Stadt liegt bei der Europawahl im Bundestrend: massive Verluste von CDU und SPD sowie bärenstarke Grüne. Entsprechend ist die Stimmung bei den Kommunalpolitikern.

Das Strahlen ging Shirley Finster gar nicht mehr aus dem Gesicht. „Ich schwebe jetzt nach Hause“, sagte die Sprecherin der Grünen am Wahlabend im gläsernen Foyer unterhalb des Bürgerbüros, wo sich viele Politiker und andere Hückeswagener getroffen hatten, um die Ergebnisse aus dem Bund und den Wahlbezirken der Stadt live mitzuverfolgen. Was die Ratsfrau der Grünen neben den starken Zugewinnen auf Bundesebene freute, war vor allem das Ergebnis „ihres“ Wahlbezirks: Im Injoy-Fitnesstudio, wo unter anderem Kleineichen wählt, waren die Grünen mit 24,4 Prozent die stärkste Partei – sie hatten mit 99 eine Stimme mehr als die CDU.

Im Verlauf des Abends sollten zwei weitere Wahlbezirke in der Schloss-Stadt an die Grünen fallen. In der Erich-Kästner-Schule holten sie 28,1 Prozent und damit sechs Stimmen mehr als die CDU, den Wahlbezirk Schützenhaus gewannen sie mit 25,6 Prozent und einem Vorsprung von neun Stimmen. Interessant waren zwei weitere Wahlbezirke: Der Fürstenberg (ATV-Turnhalle) ging zwar mit 27,9 Prozent erneut an die CDU, hier verachtfachten (!) die Grünen beinahe ihr Ergebnis von 2014 – waren sie vor fünf Jahren lediglich für 3,2 Prozent wählbar, gaben am Sonntag 24,2 Prozent den Grünen ihre Stimme. Und sogar in Holte, klassisch ein „schwarzer“ Wahlbezirk, stiegen die Grünen von 3,7 Prozent in 2014 auf nunmehr 15,8. Die CDU ist auch dort weiterhin stärkste Kraft, verlor jedoch mit nur noch 36,8 Prozent der Stimmen ihre absolute Mehrheit von vor fünf Jahren (50,9 Prozent).

„Wir haben die Europawahl zur Klimawahl gemacht“, betonte Egbert Sabelek, wie Finster Sprecher der Hückeswagener Grünen. Die Menschen hätten inzwischen erkannt, dass das Klima ein wichtiges Thema sei, nachdem der vergangene heiße Sommer in allen Köpfen gelandet sei. Die Menschen erwarteten nun, dass etwas getan werde. Auf die Frage, ob der nächste Bundeskanzler vielleicht ein Grüner sei, antwortete Sabelek lächelnd: „Bis zur Bundestagswahl in 2021 kann zwar noch viel passieren, undenkbar ist das aber nicht.“

Obwohl die CDU nicht nur im Bund, sondern auch in Hückeswagen (minus zehn Prozentpunkte) verloren hatte, sah der Stadtverbandsvorsitzende Marc von der Neyen etwas Positives: „Ich bin froh, dass wir bundesweit und in der Stadt weiterhin die stärkste Partei sind.“ Er erkannte aber auch, dass das Thema „Naturschutz“ den Wahlkampf dominiert habe. „Wir müssen uns bundespolitisch in der Zukunft aus der Mitte heraus bewegen und vor allem den jungen Leuten Gehör verschaffen“, betonte er. Auch mit Blick auf die Kommunalwahl im nächsten Jahr müssten sie verstärkt eingebunden werden. Im Stadtverband finde gerade ein Umbruch statt: „Wir haben einige sachkundige Bürger, die Anfang 30 sind“, sagte von der Neyen.

Für Horst Fink, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, stand bereits vor der Wahl fest, dass seine Partei eine Niederlage wird einstecken müssen. „Aber dass sie so heftig ausfällt, damit hätte ich nicht gerechnet“, gestand er ein. Das habe die Bundesvorsitzende Andrea Nahles nicht gerade gestärkt. Sein Ratskollege Jürgen Becker kritisierte: „Die beiden großen Parteien sind in ihrem System gefangen und lassen sich von der Wirtschaft und den Lobbyisten treiben.“

Das Ergebnis der FDP sah Jörg von Polheim locker: „Wir hatten schon mal schlechtere Ergebnisse“, kommentierte der Fraktionschef den knappen Sprung der Liberalen über fünf Prozent. „Aber auch bessere.“ Es hätte jedoch durchaus etwas mehr sein können. Mit großer Besorgnis sieht er das Bröckeln von CDU und SPD: „Zwei große Volksparteien waren immer die Grundfesten unserer Demokratie.“ Jetzt werde es schwieriger, Mehrheiten zu finden.

Und die AfD? Die Rechtspopulisten kommen in Hückeswagen auf acht Prozent – deutlich weniger als im Bund. Dazu meinte Wahlsiegerin Shirley Finster: „Das sind immer noch zu viel.“ Und von Polheim beklagte: „Es ist unsäglich, dass deren Parolen angesichts unserer Geschichte immer noch verfangen.“

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