Etaples: Im „Krieg“ mit den nervenden Silbermöwen

Hückeswagener Partnerstadt : Im „Krieg“ mit den nervenden Silbermöwen

Hückeswagens Nachbarstadt lernt gerade die Schattenseiten der Lage am Ärmelkanal kennen.

Spätestens seit Alfred Hitchcocks Thriller „Die Vögel“ ist bekannt, welch immensen Schaden die gefiederten Freunde anrichten können. Nun ist zwar an der französischen Kanalküste noch nicht ein solches Chaos ausgebrochen wie einst in der kalifornischen Bodega Bay, doch „Kriegszustand“ herrscht auch dort: Der Unmut in der Partnerstadt Etaples und deren Umgebung wächst, und zwar seit einigen Sommern. Es geht um das lästige Treiben der Silbermöwen. Diese Bewohner der Dünen und Salzwiesen an der Canche-Mündung haben ihre natürliche Fressreviere längst mit bewohnten Gegenden vertauscht.

Bei einem Treffen der Sommergäste mit der Stadtverwaltung von Le Touquet gegen Ende der Saison herrschte gereizte Stimmung. Die Vögel würden schon morgens um Fünf lärmen, berichteten die Beschwerdeführer. Vor allem in Schwärmen, was sich in den hohen Häuserschluchten hinter der Strandpromenade natürlich besonders schauerlich anhöre. Auch würden die Vögel die reichlich allerorten aufgestellten Müllsäcke zerfleddern und deren Inhalt in alle Richtungen verstreuen.

Der Ärger über diesen Missstand steigerte sich kürzlich ins Panische, weil im März alarmierende Nachrichten von der anderen Kanalseite zum Festland drangen: Hatte doch so ein „Möwenungeheuer“ in einem südenglischen Seebad einem Rentner in eleganter Tiefflugattacke dessen Tüte mit den Fritten aus der Hand geschnappt. Und weil der Arme sich wehrte und der Vogel dabei zu Schaden kam, hatte der Beraubte eine Strafe von umgerechnet 877 Euro zu zahlen. Noch beunruhigender mutete eine Botschaft im Juli aus Südengland an: Da war im schönen Devon ein Chihuahua namens „Gizmo“ im Garten seines Herrchens von einer Riesenmöwe gepackt und fast in die Lüfte entführt worden.

Nicht nur bei den Eignern der Sommerresidenzen ist die Geduld schon längst zu Ende, auch im Fischerhafen Boulogne-sur-Mer ist man wegen der Möwenplage genervt. Denn die große Schleuse, die das Bassin zur See hin absperrt, ist inzwischen von Kolonien dieser Vögel okkupiert. Nicht töten, sondern nur vergrämen, lautet die Vorschrift. Schließlich achten Ornithologen sehr darauf, dass den unter Naturschutz stehenden Tieren keine Feder gekrümmt wird. Grünes Laserlicht soll nun bewirken, dass die Möwen vertrieben und die Seeleute bei ihrer Arbeit nicht von Dreck und Bissen behindert werden. Dass sich die Vögel gerne über die Kutter hermachen, hängt auch damit zusammen, dass mit jedem Fischzug der lästige Beifang direkt aus dem Netz über Bord geht – das nämlich verringert die Arbeit des Sortierens an Land.

Was aber tun, um die Attraktivität der Côte d’Opale zu erhalten? Naturschützer erklären auf gut besuchten Bürgerabenden geduldig, dass Silbermöwen halt gesellige Tiere sind, weshalb sie nicht einzeln, sondern gerne im Chor schreien. Da spielen auch der Futterneid und der Kampf ums Überleben eine Rolle. Und es wurde appelliert, den traditionell in Plastiksäcken verpackten Hausmüll besser vor dem Zugriff der Vögel zu schützen.

Schließlich versucht die Stadt Le Touquet seit dem Frühjahr, die Möwenplage mit technischen Mitteln zu bekämpfen – Drohnen sollen ihre Nester aufspüren und zerstören. Weniger brutale Versuche in anderen Gemeinden hatten zum Ziel, das Gelege der Vögel zu sterilisieren. Der Erfolg war jedoch nur mäßig. Hauseigentümern aber wird empfohlen, den frühmorgendlichen akustischen Schock mit optischem Schrecken zu begegnen: Riesige Ballons mit drohenden Vogelvisagen sollen über den Häusern schweben. Bleibt abzuwarten, wann die lästigen Schreihälse zum Angriff auf diese neuen Plastiksäcke übergehen.

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