Hückeswagen: Ein Sprachtest mit Macken

Hückeswagen : Ein Sprachtest mit Macken

Pädagogen begrüßen die Sprachstandserhebung im Grundsatz – aber es gibt auch herbe Kritik.

Ingelore Jacobs, erfahrene Pädagogin und Leiterin der Gemeinschafts-Grundschule Wiehagen, lässt keinen Zweifel daran: „Es ist unbedingt sinnvoll, sich überhaupt mal um die Sprachentwicklung bei kleineren Kindern zu kümmern.“ Deren Sprachfähigkeit und der Lernerfolg schon zu Beginn der Grundschulzeit stünden schließlich in unmittelbarem Zusammenhang. Ebenso deutlich wurde Jacobs am Donnerstagabend im Schulausschuss aber auch, als es um die Kritik an der Sprachstandserhebung ging, die in der kommenden Woche an ihrer Schule in die zweite Phase startet.

Ein Kritikpunkt: Im Vorfeld der Tests wurde vieles mit der heißen Nadel gestrickt. „Da wäre im Interesse der Kinder mehr Ruhe notwendig gewesen“, unterstrich Ingelore Jacobs. Das gilt im Übrigen nach wie vor: Ab Montag werden in Wiehagen mehr als 110 Kinder aus der Stadt getestet, einen Auswertungsschlüssel haben die Pädagogen aber bis heute nicht. Unklar ist auch, wie der Sprachförderunterricht aussehen soll für Kinder, bei denen die Tests einen Bedarf ergeben, wo, wann und in welchem Umfang er stattfinden soll. „Wir wissen nichts“, beklagte Jacobs.

Mindestens ebenso wichtig ist der engagierten Pädagogin die Sorge um das Wohl der Kinder. Die Testzeit für jedes Kind ist auf 45 Minuten angesetzt – zu lang. Jacobs: „Wir gehen davon aus, dass ein Kind im ersten Grundschuljahr eine Konzentrationsfähigkeit von einer Viertelstunde am Stück hat; bei den Test wird eine Konzentrationsfähigkeit über 45 Minuten unterstellt – das ist viel zu hoch angesetzt.“ Außerdem fragt sie mit Blick auf die Jungen und Mädchen, die nun schon zum zweiten Test müssen: „Was bewirkt diese dauernde Testerei für die kleinen Seelen?“ Der Stress, der auf Kindern und Eltern laste, sei enorm.

Zweifel hegt Ingelore Jacobs schließlich auch an der Aussagekraft der Testergebnisse, denn: „Ein vierjähriges Kind hat das Recht zu schweigen, wenn es nicht mit einem Fremden reden will, und die Tester sind Fremde.“ Außerdem: „Ein Kind hat auch das Recht, auf eine Frage, die es als blöd und unsinnig empfindet, die Antwort zu verweigern.“ Diese Verweigerung sage aber nichts aus über die grundsätzliche Sprachfähigkeit des Kindes. Ingelore Jacobs hätte es deshalb, genauso wie ihre Kollegin Franziska Gerding von der Katholischen Grundschule, gerne gesehen, wenn die Erzieherinnen stärker eingebunden worden wären. „Aber deren Meinung war gar nicht gefragt“, bedauerte Jacobs.

(RP)
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