Interview mit Dincer Guçyeter „Im Inneren habe ich große Freude gespürt“

Hückeswagen · Der diesjährige Träger des Preises der Leipziger Buchmesse kommt zu einer Lesung in die Stadtbücherei nach Hückeswagen. Im Interview mit unserer Redaktion gibt er einen Einblick in seine Arbeit.

Foto: Palagrafie

Foto: Palagrafie

Foto: Palagrafie

Herr Guçyeter, wissen Sie noch, was Sie gemacht haben, als die Nachricht kam, dass Sie den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen würden?

Dincer Guçyeter Ich stand ja zusammen mit meinen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen im Glashaus der Leipziger Buchmesse, als die Nachricht kam. Ich habe mir die Gesichter der Jurymitglieder angeschaut und gefragt: Was habt ihr gemacht? Und nach 15 Minuten wurde ich von der Presse für drei Stunden entführt. Freude und Müdigkeit blieben dann für die Nacht, die ich schlaflos verbracht habe. Am nächsten Morgen war dann schon der nächste Pressetermin.

Was war das für ein Gefühl?

Guçyeter Im Inneren habe ich große Freude gespürt. Aber wie gesagt, diese Freude wird von einer Spannung begleitet. Auf einmal bekommen Sie eine Liste in die Hand gedrückt mit 100 Terminen. Und seitdem bin ich auf der Lesereise. Fragen Sie mich bitte nach einem Jahr wieder, dann kann ich die Emotionen vielleicht besser einsortieren.

Worum geht es in Ihrem Roman „Unser Deutschlandmärchen“?

Guçyeter Um das Schweigen der Frauen, der Arbeiterinnen und Arbeiter, um das Zusammenleben in Deutschland. Unzählige Stimmen erzählen manchmal solo, aber auch in großen Chören.

Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für das Schreiben bemerkt?

Guçyeter In der Kneipe meines Vaters, die Musik, die dort gespielt wurde, hat mich sehr geprägt. Mein Traum war, für Nina Hagen, Udo Jürgens und für Sezen Aksu Liedtexte zu schreiben. Mit den Jahren, auch mit der Entdeckung der großen Dichterinnen und Dichter, hat diese Reise eine ganz neue Route bekommen, eine Route ohne Ziel, die Reise geht weiter.

Haben Sie Vorbilder – in der Lyrik und in der Belletristik?

Guçyeter Ja – Mahmud Derwisch, Else Lasker-Schüler und Aras Ören sind für mich heute noch wichtig wie am ersten Tag.

Sie haben mit Gedichten angefangen. Wie kam es dann zum Roman, einem schließlich ganz anderen Genre?

Guçyeter Wenn ich die Frage stelle, was ein Roman ist, bekomme ich keine befriedigende Antwort. Ich sehe alles, was aus meiner Feder kommt, als ein erzählerisches Werk. Das Format spielt da keine Rolle. Gerne mische ich auch die unterschiedlichen Formate miteinander und versuche dann, ein neues Format für mich zu finden. Man darf die Leserschaft nicht unterschätzen, die Menschen sind offener, als der Buchmarkt denkt.

Sie sind auch Verleger mit eigenem Verlag – wie kam es dazu?

Guçyeter Es war als ein Abenteuer gedacht. Seit zwölf Jahren geht es weiter, und ich habe es keinen einzigen Tag bereut. Der Verlag ist so etwas wie unser drittes Kind. Er bereitet uns natürlich viel mehr Sorgen als unsere anderen beiden Kinder – aber so lieben wir es.

Wen verlegen Sie bei ELIF, was bedeutet der Name?

Guçyeter Meine Lieblingsabteilung sind die Debüts. Eine neue Reise mit einer jungen Stimme. Mit diesem Ansatz sind die Bände von Özlem Özgül Dündar, Nail Dogan, Yu Sheng Tsou, Jonis Hartmann und Katia Sophie Ditzler erschienen. Alle realisieren gerade ihre Projekte, machen Reisen, bekommen großartige Projekte ermöglicht. Gedicht, von Hand zu Hand – so nenne ich diesen Ablauf. ELIF sollte der Name unseres dritten Kindes sein, das leider in der sechsten Woche der Schwangerschaft entfernt werden musste. Im Arabischen hat der Name die Be „Der Anfang“.

Wie kam der Kontakt zur Stadtbücherei in Hückeswagen schließlich zustande?

Guçyeter Wenn ich richtig informiert bin, kam die Idee durch den Literaturkritiker Hubert Winkels. Michaela Schmitz, die Leiterin der Stadtbücherei in Hückeswagen, hat mir eine E-Mail gesendet. Ohne zu überlegen, habe ich zugesagt. Herr Winkels hat für die „Kulturzeit 3Sat“ mein Buch mit so einer einfühlsamen Art besprochen – ich würde auch in die Wüste fliegen, wenn er mich rufen würde.

Kennen Sie die Stadt, waren Sie schon mal hier?

Guçyeter Nein, tatsächlich nicht, obwohl ich auch aus Nordrhein-Westfalen komme.

Werden Sie sich vor der Lesung die Stadt ansehen können?

Guçyeter Ich komme am Veranstaltungstag – Freitag, 8. Dezember –, bereits etwas früher und werde dann die Stadt besichtigen. Wenn Hückeswagen enge Gassen und gute Cafés hat, werde ich in Zukunft bestimmt öfter kommen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort