Hückeswagen: "Die Stadt ist unterversorgt"

Hückeswagen : "Die Stadt ist unterversorgt"

Innerhalb von knapp vier Monaten haben in Hückeswagen drei Hausärzte ihre Praxen geschlossen. Damit ist die Schloss-Stadt unterversorgt, sagt Ärzte-Sprecher Helmut Beckert. Doch neue Ärzte zieht's derzeit nicht aufs Land.

In den Praxen der neun verbliebenen Hausärzte in Hückeswagen ist es seit Mitte Dezember merklich voller geworden. Damals hatten die beiden Allgemeinmediziner Dr. Ryszard Fazan und Dr. Christoph Piernikarczyk ihre Gemeinschaftspraxis vom Haus Marienbrunnen (ehemaliges Marienhospital) nach Wipperfürth verlegt.

Seit Anfang April hat sich die Situation noch weiter verschärft, nachdem Dr. Elias Moussa seine Praxis am Etapler Platz aus Altersgründen schloss (die BM berichtete). So mancher Hausarzt in Hückeswagen hängt momentan nach Dienstschluss noch eine Sonderschicht dran, um die Akten der neuen Patienten zu studieren.

Die Rechnung geht nicht mehr auf

Wie sehr sich die Situation in der Schloss-Stadt zugespitzt hat, lässt sich leicht ausrechnen. "Im ländlichen Bereich sollen auf jeden Arzt 1500 Einwohner kommen", erläutert der Sprecher der örtlichen Ärzte, Helmut Beckert. So lange Fazan und Piernikarczyk noch Dienst in der 16 000-Einwohner-Stadt Hückeswagen taten, ging die Rechnung auf (zirka 1333 Einwohner pro Arzt). Danach waren es 1600 Einwohner; durch Moussas Abschied kommen nun rein rechnerisch rund 1777 Einwohner auf jeden Arzt. Für Beckert steht daher fest: "Die Stadt ist unterversorgt."

Die Lage würde sich entspannen, übernähmen (junge) Ärzte in der Schloss-Stadt eine Praxis. Etwa die von Moussa. Doch es kommt keiner. Der 69-jährige Facharzt für innere Medizin suchte mehrere Jahre lang einen Nachfolger. Vor einigen Monaten war er fast fündig geworden. Doch der junge Arzt entschied sichkurzfristig dann doch lieber dafür, in eine Gemeinschaftspraxis in einer Großstadt einzusteigen. Auch Helmut Beckert suchte einen neuen Partner mittels Anzeigen, als es vor einigen Jahren Dr. Dagmar Schröder zurück nach Köln zog. "Ich hatte nicht einen Bewerber", bedauert er.

Junge Ärzte zieht's nach dem Studium in die Großstadt. Beckert zitiert aus einer Studie der Kassenärztliche Bundesvereinigung: "Um einem jungen Mediziner die Arbeit auf dem Land schmackhaft zu machen, müsste er 8000 Euro monatlich mehr verdienen, damit er diese ,Kröte' schluckt."

Teure Praxis-Neuausstattung

Offenbar ist der ländliche Bereich wegen der langen Dienstzeiten und der vielen Patienten unattraktiv. Allerdings summieren sich die Kosten für die Neuausstattung einer Praxis auch schnell auf einen sechstelligen Betrag.

Die derzeitige Situation in der Stadt ist prekär: Zwei Ärzte sind über 60 Jahre alt und gehen in einigen Jahren in Rente, nur zwei sind Anfang/Mitte 40. Der Rest ist Ende 40/Anfang 50. In 15 Jahren, wenn dieses Gros vor dem Ruhestand steht, könnte es knapp werden. Beckert will aber nicht schwarzmalen: "Wer weiß, was bis dahin passiert. Vor zehn Jahren hatten wir angeblich eine Ärzteschwemme, jetzt haben wir einen Mangel."

Lesen Sie auch den Artikel "Die Budgetierung muss weg" und den Kommentar "Ärzte ein wichtiger Standortfaktor".

Hier geht es zur Infostrecke: Was Patienten in NRW an ihren Ärzten ärgert

(RP/ila)
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