Hückeswagen: Die Allgegenwart Gottes

Hückeswagen : Die Allgegenwart Gottes

Er steht in katholischen Kirchen immer in der Nähe des Altars, direkt neben dem Ewigen Licht: der Tabernakel. Dieser Schrein oder Wandschrank ist mehr als nur ein Aufbewahrungsort für Hostien, das Heilige Brot.

Temur Johannes Bagherzadeh wird andächtig, wenn er über den Tabernakel spricht. "Er ist die Gegenwart Gottes", sagt der Kaplan, und seine Hände falten sich wie zu einem stummen Gebet. Dieses Bild ist uralt — schon das Alte Testament weist auf den allgegenwärtigen Gott hin. "Das älteste Zeugnis ist Moses am brennenden Dornbusch", erzählt Bagherzadeh.

So auch der Tabernakel, in dem das Allerheiligste aufbewahrt wird: die geweihten Hostien als Gegenwart Jesu, des gekreuzigten Erlösers. Mit dem Tabernakel-Dekret von 1957 schrieb die Katholische Kirche fest, dass das Ewige Licht — ebenfalls ein Symbol der ständigen Gegenwart Gottes — in unmittelbarer Nähe des Hostien-Schreins stehen muss. In der Pfarrkirche spiegelt sich seitdem sein rotes Licht auf der bronzenen Oberfläche des Tabernakels.

Der Begriff kommt aus dem Lateinischen ("tabernaculum") und bedeutet so viel wie Hütte oder Zelt. Und das hat seinen Grund. Schon das Volk Israel, so ist es im Alten Testament nachzulesen, führte ihr Allerheiligstes — die Gebotstafeln Moses — in einer Lade Gottes mit sich; auf Hebräisch Mishkan, "Gottes Heimstätte auf Erden", genannt.

Die Urchristen legten über das Brot und den Wein, die nach der Heiligen Messe übrig geblieben waren, ein Tuch. So blieben die Lebensmittel frisch, die man später als Leib und Blut Christi zu den Kranken brachte. "Ab dem dritten Jahrhundert hat man dann ein Zelt aus Tüchern genommen, und irgendwann ging das in einen Wandschrank über", erläutert der Kaplan. Ab dem vierten Jahrhundert bereits wurde der Tabernakel häufig neben der Kirche in einer eigenen Kapelle untergebracht — ein Zeichen dafür, welche Bedeutung der Hostien-Schrein bereits zu diesem Zeitpunkt hatte.

Zurück in die Kirche fand der Tabernakel ab dem 14. Jahrhundert, denn er sollte fest verbunden mit dem Altar sein. "Vor allem im Hochmittelalter war die Verehrung groß", erinnert Bagherzadeh und nennt als Beispiel die kunstvoll verzierten Hochaltäre aus dem Süddeutschen bzw. der Alpenregion.

Der Tabernakel der Pfarrkirche von St. Mariä Himmelfahrt ist ebenfalls kunstvoll gestaltet: Auf den Bronzetüren sind etwa die vier Evangelisten in ihren Tierdarstellungen zu sehen. Wahrscheinlich Anfang der 70er Jahre, bei der zweiten großen Renovierung der Kirche, wurde er aufgestellt.

In dem Bronzeschränkchen werden ständig die Hostien aufbewahrt. Sie werden nach der Wandlung an die Gläubigen oder einmal im Monat vom Kaplan und Pater George an die Kranken der Gemeinde ausgeteilt.

Symbolik ist in der Katholischen Kirche unerlässlich. Weil der Tabernakel und das Ewige Licht die Allgegenwart Gottes symbolisieren, "ist es bei uns auch eine Vorgabe, die Kirche offen zu halten", unterstreicht Bagherzadeh. Denn die Gläubigen sollen so ständig die Gelegenheit haben, in der Pfarrkirche Gottes Nähe zu spüren. "Natürlich ist diese unbegrenzt", betont der Kaplan. "Sie gibt es an jedem Ort." In der Kirche, durch die geweihten Hostien in Tabernakel, jedoch auf einmalige Weise.

Die vier Evangelisten werden mitunter in Tiergestalten dargestellt: Markus repräsentiert als Löwe das Element Feuer, Johannes als Adler das Element Wasser, Matthäus als geflügelter Mensch das Element Luft und Lukas als Stier das Element Erde.

(RP)
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