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Hückeswagen: Dem Martinssingen laufen die Kinder weg

Hückeswagen : Dem Martinssingen laufen die Kinder weg

Warum kommen kaum noch Kinder zum Martinssingen? Diese Frage stellen sich viele Hückeswagener seit einigen Jahren. Die Leiterinnen der Grundschulen können nur Vermutungen anstellen, warum dieser Brauch offenbar ausstirbt.

Wilfried Stawicki hatte am Dienstag Fackeln in seinem Garten aufgestellt und sie mit Einbruch der Dunkelheit entzündet, damit die Teilnehmer des Martinszugs der Grundschule Wiehagen eine schöne Atmosphäre vorfinden. Außerdem hatte er eine Dose mit 50-Cent-Stücken sowie etliche Schokolade-Tafeln parat gelegt fürs Martinssingen - doch nicht ein einziges Kind klingelte an seiner Tür. Und das findet der Wiehagener traurig, sagte er im Gespräch mit der BM.

Schon im vorigen Jahr hatte sich eine Hückeswagenerin gemeldet, die fragte: "Warum kommen eigentlich keine Kinder mehr zum Martinssingen?" Stirbt hier ein alter Brauch aus? Es hat den Anschein.

Ingelore Jacobs kann nur Vermutungen anstellen. Die Leiterin der Grundschule Wiehagen berichtet über "kritische Stimmen" von Anwohnern, die sich in der Vergangenheit beklagt hätten, dass die Kinder an den unterschiedlichsten Tagen geklingelt hätten. Immerhin gibt es in Hückeswagen zehn Martinszüge von Schulen und Kindergärten (s. Kasten).

Auch glaubt Jacobs, dass das Martinssingen gegenüber Halloween ins Hintertreffen gerät. Das meint auch Wilfried Stawicki beobachtet zu haben. "Außerdem gab es hier nach Halloween eine gewisse Hysterie", berichtete die Schulleiterin. So soll in Wiehagen ein Unbekannter gesichtet worden sein, der als böser Clown verkleidet Kinder erschreckt haben soll. Ein solcher Trend schwappt derzeit etwa aus Belgien nach Deutschland. Dabei erschrecken Unbekannte mit fratzenhaften Clownsmasken Passanten, teilweise sogar mit Waffen. "Ich könnte mir vorstellen, dass manche Eltern ihren Kindern gesagt haben, dass sie abends im Dunkeln nicht mehr hinausgehen dürfen", sagte Ingelore Jacobs.

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Zudem sieht sie einen "Trend in der Gesellschaft, Dinge nicht mehr real zu erleben, sondern digital". Dabei sei in den Klassen vorher zum Martinssingen nach dem Umzug aufgerufen worden. "Letztlich spielt aber das Elternhaus eine große Rolle", betonte die Schulleiterin. Wenn das nicht wolle, gingen die Kinder eben nicht.

Unverständnis herrscht auch bei Beate Dickentmann, Leiterin der Löwen-Grundschule. Bei ihrem Mann zu Hause auf dem Höchsten hatten am Montagabend gerade einmal vier Kinder geklingelt, begleitet von Eltern. "Dabei habe ich im Elterninformationsbrief zu St. Martin extra noch auf das Martinssingen hingewiesen", berichtete sie. Auch sei nach dem Ende des Zugs gegen 19 Uhr noch genügend Zeit für die Kinder gewesen, eine Stunde lang in den Wohngebieten zu singen und sammeln.

Beate Dickentmann sieht ein großes Problem bei den Eltern, die ihre Kinder offenbar teilweise überbehüten. "Viele trauen uns und den Ordnern nicht zu, ihre Kinder sicher wieder zur Schule zu begleiten", kritisierte sie. Bei dem großen Zug der Löwen-Grundschule sorgten die Lehrerinnen, 13 Ordner sowie zwei Elternteile je Klasse für die Sicherheit. "Trotzdem nahmen viele Eltern ihre Kinder dabei noch an die Hand", hatte die Schulleiterin festgestellt.

Wilfried Stawicki befürchtet, "dass der Brauch in Hückeswagen kaputt geht". Er fordert nun eine Gegenbewegung in den Schulen, wo den Kindern das Martinssingen nähergebracht werden sollte.

(RP)